Interview mit Matthias Bongarth, Geschäftsführer des LDI (Landesbetrieb Daten und Information Rheinland-Pfalz) am 20.11.2008
Der Landesbetrieb Daten und Information (LDI) ist der zentrale IT-Dienstleister des Landes Rheinland-Pfalz. In Rechenzentren in Mainz und Koblenz werden hochsensible Daten der Polizei- und Justizverwaltung sowie der Finanzverwaltung verarbeitet. Da ist es nur natürlich, dass das Thema Sicherheit bei Matthias Bongarth, Geschäftsführer des LDI, an erster Stelle steht. Es bewegt sich im Spannungsfeld mit weiteren Herausforderungen, die bei Bongarth auf der Agenda stehen. Es müssen Lösungen für das exponentielle Datenwachstum gefunden und umfangreiche Zentralisierungsprojekte realisiert werden. Gleichzeitig will der dynamische Manager mehr Transparenz in die Verwaltungen bringen und Bürgern sowie Partnern aus der Wirtschaft echten Service bieten. Um diese Ziele zu erreichen, fordert er von sich und seinen Mitarbeitern Flexibilität und ständige Bereitschaft zur Veränderung.
Herr Bongarth, beschreiben Sie bitte kurz die IT-Strategie des Landes Rheinland-Pfalz.
Das Land Rheinland-Pfalz verfolgt eine IT-Strategie, die sich im Rahmen eines nutzen- und branchenorientierten E-Government in drei große Themenbereiche gliedert: Wir wollen den Standort stärken, Dienstleistungen optimieren und Medienkompetenz vermitteln. Die Bedeutung der IT im Land Rheinland-Pfalz wird auch dadurch unterstrichen, dass vor eineinhalb Jahren im Innenministerium eine eigene IT-Zentralstelle eingerichtet und dort auch ein CIO, Herr Häfner, für das Land Rheinland-Pfalz eingesetzt wurde. Die Umsetzung der IT-Strategie liegt in der Verantwortung des Landesbetriebs Daten und Information. Eine Kernaufgabe ist dabei die Zentralisierung des Betriebs. Dazu zählt die Konsolidierung der Rechenzentrums- und Server-Infrastruktur, die wir momentan in mehreren Großprojekten, insbesondere bei Polizei, Justiz und Landesvermessung, durchführen.
Die EU-Dienstleistungsrichtlinie wirkt sich auf Verwaltungsorganisation, Informationstechnologie, kommunale Angelegenheiten und das Verwaltungsverfahrensrecht aus. Damit stehen zentrale Prozesse auf dem Prüfstand. Welche Strategie verfolgen Sie bei der Verzahnung von IT mit den Geschäftsprozessen?
Für uns spielt das Thema Sicherheit, also eine vernünftige Absicherung der Geschäftsprozesse, die größte Rolle. Und das wollen wir natürlich auch bei der Umsetzung der EU-Dienstleistungsrichtlinie in den Mittelpunkt stellen. Es geht insbesondere darum, die IT mit den Geschäftsprozessen enger zu verzahnen. Wir haben eine Plattform aufgebaut, die wir rlp-Middleware nennen. Übrigens ist rlp das Kürzel für Rheinland-Pfalz. Über diese Plattform können Bürger, Wirtschaft und Verwaltung miteinander kommunizieren. Das Schöne dabei ist, dass wir auf einer Lösung aufsetzen, die sich in der Praxis bereits bewährt hat. Mit der rlp-Middleware gewähren wir in Zusammenarbeit mit unserer Justiz z. B. einen Online-Zugriff auf Handelsregisterinformationen. Auch beim Hauskauf ist die rlp-Middleware hilfreich. Früher mussten die Grundbuchauszüge persönlich beim Amtsgericht eingesehen werden, heute ist das Grundbuch für Rheinland-Pfalz komplett elektronisch im Rechenzentrum gespeichert und kann von Berechtigten, z. B. Notaren, jederzeit online eingesehen werden. Dabei sorgen wir für ein hohes Maß an Sicherheit, wofür wir auch als erstes öffentliches Rechenzentrum ein Sicherheitszertifikat nach ISO 27001 erworben haben.
Was würden Sie zahlen, um im Falle eines Verlusts Ihre Daten wiederzubekommen? Mit anderen Worten: Wie würden Sie den Wert der Informationen beziffern, die Sie in Ihrer hochmodernen Rechenzentrumsinfrastruktur vorhalten?
Das möchte ich persönlich gar nicht in Worte fassen. Ich hatte ja schon vom elektronischen Grundbuch gesprochen. Der Gedanke an einen Verlust dieser Informationen ist in meiner Philosophie schon gar nicht zulässig. Es wäre unvorstellbar, dass uns beispielsweise Fahndungsdaten verloren gingen oder wir den europaweiten Fahndungsverbund nicht mehr bedienen könnten. Wir müssen einfach alles tun, was technisch möglich ist, um diese Informationen zu schützen. Wir arbeiten in hochkritischen Bereichen, auch mit Komponenten von EMC, im Verfügbarkeitsbereich von 99,99 Prozent und müssen diese Sicherheit noch weiter steigern. Wir sind dabei, zusammen mit unserem Partner, der Hessischen Zentrale für Datenverarbeitung, ein gemeinsames Ausweichrechenzentrum aufzubauen.
Als IT-Experten sondieren Sie den Markt in besonderem Maße. Welches sind Ihrer Meinung nach die größten IT- Herausforderungen, vor denen Sie im Moment stehen und wie lösen Sie diese?
Eine Herausforderung, neben Sicherheit und eGovernment, ist es, Verwaltung transparenter zu machen, den Bürger stärker einzubinden und unsere Systeme mandantenfähig zu machen. Wir betreiben jetzt zum Beispiel für fast alle Kommunen des Landes das Kfz-Zulassungsverfahren. Ich könnte mir vorstellen, dass man das auch online zur Verfügung stellt. Sicherheit ist natürlich für mich das größte strategische Thema. Dem stellen wir uns auch organisatorisch dadurch, dass wir im nächsten Jahr ein CERT (Computer Emergency Response Team) einrichten werden. Die Trends und kritischsten Themen sind für mich momentan im Speicherumfeld angesiedelt. Unsere Daten explodieren entlang einer exponentiellen Kurve. Den meisten Speicherplatz benötigen Geodaten wie Vermessungs- und Katasteramtsdaten. Auch bei der Polizei wird der Kapazitätsbedarf künftig steigen, weil dort aufgrund neuer Technologien die Datenmengen im Bereich von Bildbearbeitung und Telefonüberwachung zunehmen werden. Dieser Herausforderung müssen wir uns täglich, aber auch mit einer langfristigen Perspektive auf strategischer Ebene stellen. Es ist keine Lösung, dass ich neben den ersten EMC-Turm den nächsten stelle. Ich brauche ein leistungsfähiges Management-System, mit dem ich auch solch ein exponentielles Wachstum mit vernünftigem Personaleinsatz in Zukunft verkraften kann.
Wie hat sich die Rolle eines IT-Leiters im behördlichen Umfeld gewandelt?
Die Anforderungen an einen IT-Leiter haben sich seit der Abschaffung der Großrechner gravierend geändert. Flexibilität im Rechenzentrum ist wichtig. Momentan fahre ich hier bei uns eine riesige Zentralisierungswelle, das muss nicht lange so bleiben. Es ist mir ganz wichtig, dass wir Dienstleister bleiben, dass wir service-orientiert sind. Ich sage zu meinen Mitarbeitern: Stellt Euch bitte auf Liefermodus ein! Wir wollen die Prozesse unserer Kunden unterstützen und sie zufrieden stellen. Meine Unternehmensstrategie ist nicht auf Bewahrung ausgerichtet, sondern ich schaue nach vorne und suche Herausforderungen: Wo gibt es Neugeschäft, wo können wir uns platzieren? Wo können wir dem Kunden helfen?
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