Eigentlich scheint alles klar: Digitale Informationen beherrschen unser Leben. Sie lassen sich effizienter erfassen, aufbewahren und verteilen als ihre analogen Vorläufer. Ist das Schicksal von Schallplatten und Büchern damit endgültig besiegelt? Werden analoge durch digitale Datenträger vollständig verdrängt? Wohl kaum, Koexistenz ist wahrscheinlicher. Denn beim Umgang mit Informationen ist Effizienz nicht alles – auch kulturelle Faktoren spielen eine Rolle.
Für die junge Generation, die mit Handy und Internet aufgewachsen ist, sind CDs offenbar ein Auslaufmodell. „Digital Natives“ laden Songs lieber im MP3-Format aus dem Netz. Laut Bundesverband der deutschen Musikindustrie kletterte der Umsatz mit Musikdownloads 2008 um 34 Prozent nach oben, während der CD-Verkauf seit Jahren schon stagniert. Im Gegensatz dazu erlebt ein lange totgesagter Audio-Datenträger weltweit ein überraschendes Comeback, nämlich die Langspielplatte aus Vinyl. Dem US-amerikanischen Jazz-Magazin „Down Beat“ zufolge war der Verkauf neuproduzierter Platten von 2007 auf 2008 um 89 Prozent gestiegen. Auch in Deutschland wächst das Interesse an den schwarzen Scheiben. Gut 900.000 davon gingen 2008 über den Ladentisch, rund 200.000 mehr als im Jahr davor – was immerhin fast ein Prozent am Gesamtumsatz im deutschen Musikmarkt ergibt.
Nostalgie allein kann das LP-Revival nicht erklären. Denn außer Kunden im Rentenalter stehen auch jede Menge junge Leute vor Plattenregalen. Viele von ihnen geraten ins Schwärmen, wenn sie das warme Klangbild beschreiben, das eine CD trotz oder wegen ihrer digitalen Perfektion nie erreichen könne. Für andere steht das vergleichsweise groß dimensionierte und aufwändig gestaltete Cover im Vordergrund. Hierzulande halten übrigens nicht nur Jazz- und Pop-Fans der Vinyl-Scheibe die Treue: Das Label JVC beispielsweise, das Schallplatten schon 1998 wieder ins Sortiment aufnahm, hat inzwischen auch Klassik-LPs im Programm. LPs sind zwar nur ein Nischenprodukt – aber eines, das die Lebensfähigkeit analoger Datenspeicherung im digitalen Zeitalter belegt.
Ein Notizbuch erobert die Welt
Die Vorteile eines elektronischen Kalenders mit Notizfunktion muss man heute wohl niemandem mehr erklären. Wie kommt es dann aber, dass ausgerechnet ein Notizbuch im Retro-Design zum begehrten Kultobjekt wird? Rund 14.000 Läden in aller Welt bieten das schwarze Notizbüchlein im DIN-A5- und A6-Format an – mit Linien, kariert oder blanko. Moleskine, so der Name, ist inzwischen ein etabliertes Lifestyle-Produkt, das auch viele von denen kennen, die selbst einen digitalen Terminplaner bevorzugen.
Seinen Erfolg verdankt das Moleskine nicht zuletzt der äußerst geschickten Vermarktungsstrategie der italienischen Herstellerfirma Modo&Modo. Danach haben heutige Käufer illustre Vorgänger: Ernest Hemingway und Oscar Wilde, Picasso, van Gogh und Matisse – sie alle sollen Verabredungen und Gedankensplitter in ein Moleskine-Buch geschrieben haben. Vielleicht ist das ja nur eine verkaufsfördernde Legende von Modo&Modo. Die wahre Geschichte jedoch, warum das Moleskine heißt wie es heißt, kann jeder nachlesen im 1987 erschienen Bestseller „Traumpfade“ des englischen Reiseschriftstellers Bruce Chatwin: Es handelt sich um die ursprünglich französische Bezeichnung für einen gewachsten Baumwollstoff – das Einbandmaterial für das von Chatwin heißgeliebte Fabrikat, das 1986 vom Markt verschwand. Heutige Moleskine-Exemplare sind dagegen in Synthetik eingebunden. Aber sie weisen immer noch das charakteristische Gummiband auf, das die Seiten zusammenhält. Anders als das von Chatwin gepriesene Original wird Moleskine nicht mehr im französischen Tours produziert, sondern in China hergestellt.
Was zeichnet einen Moleskine-Käufer aus? Gehört er zur Gattung des analogen Menschentyps? Nun, man sieht Männer und Frauen, Studenten und Manager mit einem Moleskine. Letzterer hat vermutlich seinen Blackberry auch im Urlaub stets griffbereit dabei. Über die Gründe für den Moleskine-Erfolg lässt sich letztlich nur spekulieren. Doch drängt sich der Verdacht auf, dass auch ein bisschen Opposition im Spiel sein könnte gegen die Allgegenwart digitaler Informationen. Und dafür ist ein ineffizientes weil analoges, dafür aber geschichtenreiches und schönes Medium wie das Moleskine gerade recht.
Elektronische Bücher oder E-Books brauchen hierzulande anscheinend eine längere Anlaufzeit als anderswo: Anfang 2009 hatten erst 35 Prozent der Deutschen von E-Books schon gehört, so das Ergebnis einer repräsentativen Umfrage des Marktforschungsunternehmens GfK. Lediglich 26 Prozent der Befragten wussten, dass es spezielle Lesegeräte gibt. Nur 10 Prozent bezeichneten sich als E-Book-Fans, während 77 Prozent jedes Interesse verneinten. Ganz anders die Situation in den USA: Dort wird mit E-Book-Readern bereits kräftig Umsatz gemacht. Das Amazon-Modell „Kindle“ zum Beispiel zählt zu den bestverkauften Artikeln des Online-Handelskonzerns. Seit kurzem ist das Lesegerät auch in Deutschland zu haben – es bleibt abzuwarten, ob sich das Volk der Dichter und Denker davon zum elektronischen Lesen bekehren lässt.
Manche Experten bemängeln, dass E-Books das Leseverhalten bei gedruckten Büchern einfach nur imitieren. Außer Acht gelassen werde dabei, dass die seitenweise Gliederung traditioneller Bücher ihrerseits ein technisch bedingter Notbehelf war: Manche Literaturwerke laden weniger zum Blättern ein, sondern eher zum Rollen oder Scrollen – wie bei einer Schriftrolle aus der Zeit vor Gutenbergs Buchdruckerfindung. Ihren analogen Vorbildern schon heute haushoch überlegen sind dagegen digitale Lexika wie Wikipedia oder die DVD-Variante der Brockhaus Enzyklopädie. Sie sind nicht nur aktueller, sondern vereinfachen zudem per Hyperlink und Volltextsuche den Zugang zur gewünschten Information. Wer also wenig Zeit oder keinen Platz für 30 Brockhaus-Bände hat, verzichtet vermutlich gern auf den sinnlichen Kontakt zum Papier.
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