Bibliotheken auf der ganzen Welt haben einiges gemeinsam: Sie stellen sicher, dass historische Ereignisse, Entwicklungen und Lebensumstände der Menschen für uns und zukünftigen Generationen nachvollziehbar und erlebbar werden und bleiben. In der heutigen Zeit jedoch stellt die zunehmende Digitalisierung von Informationen Bibliotheken vor große Herausforderungen, wenn sie diesem Auftrag auch in Zukunft gerecht werden wollen. Wir sprachen darüber mit Sue Saunders, Director of Web and Digital Asset Management, und James Roth, Archivar, beide von der John F. Kennedy Presidential Library (JFK Library) in Boston (USA), sowie Dr. Michael Knoche, Direktor der Herzogin Anna Amalia Bibliothek (HAAB) in Weimar.
Bitte beschreiben Sie, welchen Auftrag Ihre Institution zu erfüllen hat.
Dr. Michael Knoche: Die HAAB bewahrt Texte vom 9. bis zum 21. Jahrhundert als Zeugnisse der Kulturgeschichte und Quellen der Forschung auf, erschließt sie nach formalen und inhaltlichen Gesichtspunkten und stellt sie zur Benutzung bereit. Nach dem Brand vom 2. September 2004 gehören noch 900.000 Einheiten zu unserem Bestand. Die HAAB versteht sich als Forschungsbibliothek für Literatur- und Kulturgeschichte mit besonderem Schwerpunkt auf der Zeit zwischen 1750 und 1850.
Die HAAB ist eine staatliche Einrichtung, im Gegensatz zur JFK Library. In welchen institutionellen Rahmenbedingungen bewegen Sie sich und wie beeinflusst dies Ihre Arbeit?
Dr. Knoche: Die HAAB ist Teil der Klassik Stiftung Weimar, der zweitgrößten Kulturstiftung in Deutschland. Die Klassik Stiftung wird mit öffentlichen Geldern finanziert, aber sie ist keine staatliche Behörde. Gleichwohl arbeitet auch die HAAB nach öffentlichem Haushalts- und Dienstrecht. Sie kann sich also nicht nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten verhalten, weil bestimmte Ausgaben nicht mit Einnahmen gegenzurechnen sind. Die öffentlichen Geldzuwendungen sind in den letzten Jahren für Sonderprojekte wie zum Beispiel der Sanierung des Bibliotheksgebäudes großzügig gewesen, die laufenden Ausgaben sind jedoch seit vielen Jahren nicht erhöht worden. Entsprechend eng ist inzwischen der finanzielle Spielraum geworden. Eigentlich wäre allein im IT-Bereich eine Millioneninvestition erforderlich.
Roth: Die JFK Library ist eine von zwölf Einrichtungen im Verbund der Präsidentschaftsbibliotheken, welcher eine öffentliche Institution ist. Die Verwaltung dieses landesweiten Bibliotheksnetzwerks liegt in den Händen des „Office of Presidential Libraries“, einem Teil der staatlichen National Archives and Records Administration (NARA).
Zudem ist unsere Bibliothek mit der John F. Kennedy Library Foundation verbunden, einer gemeinnützigen Stiftung, die uns finanziell, personell und kreativ unterstützt. Diese Partnerschaft zwischen öffentlicher und privater Einrichtung hat eine Reihe von Vorteilen, am wichtigsten ist hier die finanzielle und personelle Unterstützung der Stiftung für die Bibliothek.
Ein Buch ist unter dem Aspekt der Haltbarkeit einem digitalen Medium als „Archivspeicher“ bei weitem überlegen. Trotzdem gehen immer mehr Bibliotheken dazu über, ihre Schätze digital zu archivieren. Warum?
Dr. Knoche: Für die Langzeitarchivierung, das heißt auf die Sicht von 200 oder 300 Jahren, setzen die Bibliotheken in Deutschland (noch) nicht auf digitale Medien. Hier gilt nach wie vor der Mikrofilm als sicherstes Speichermedium, manchmal sogar in der Form, dass digitale Kopien auf Mikrofilm als Medium ausbelichtet werden. Vielleicht ändert sich die Philosophie einmal, wenn die Kosten für die Digitalisierung einerseits und für die Migration und Speicherung der digitalen Daten andererseits deutlich sinken sollten. Wenn Bibliotheken heute ihre Bestände digitalisieren, geschieht dies eher unter Benutzungsaspekten. Das Ziel der öffentlichen Bibliotheken, Informationen frei zu verbreiten und möglichst viele Menschen an der kulturellen Überlieferung teilhaben zu lassen, wird über digitale Angebote natürlich sehr erleichtert.
Sue Saunders: Das ist richtig. Ein Vorteil der umfassenden Digitalisierung ist, dass die Sammlungen nicht nur Historikern oder Gelehrten zur Verfügung stehen, die das Geld und die Zeit haben, zu uns nach Boston zu kommen und die Bibliothek zu besuchen, sondern für jedermann zugänglich sind. Die Digitalisierung hebt die physikalischen Hemmnisse beim Zugriff auf die Dokumente weitgehend auf, auch in der Bibliothek selbst. So kann ein Besucher sich zum Beispiel die digitalisierten Audioaufnahmen aus der Zeit der Kubakrise anhören und gleichzeitig die Originaldokumente und Landkarten dazu in den Händen halten und studieren. So ermöglicht die Digitalisierung nicht nur einen breiteren Zugang zu Informationen sondern auch ein tiefergehendes und umfassenderes Erlebnis beim Studium solcher Dokumente und Ereignisse.
Welche Konsequenzen ergeben sich aus den neuen, digitalen Medien, die zunehmend unseren Alltag bestimmen?
Dr. Knoche: Der Reichtum an historischen Buchbeständen in Originalform verpflichtet uns zur Konversion dieser kulturellen Ressourcen in elektronische Medien. Wir tun dies aber nicht mechanisch, sondern versuchen, einen Mehrwert dabei zu erzeugen. So stehen wir kurz davor, das in Weimar verlegte „Journal des Luxus und der Moden“ (1786 bis 1827) oder die bedeutendste deutsche Satirezeitschrift „Simplicissimus“ (1896 bis 1945) als allgemein zugängliche Datenbank anzubieten. Neben dem elektronischen Faksimile der beiden Zeitschriften können dann alle Beitragstitel mit den dazugehörigen Autoren sowie der intellektuell erfasste Inhalt der Beiträge recherchiert werden.
Roth: Wir stellen fest, dass die Welt immer schneller zur digitalen Umgebung wird. Wenn du nicht im Web bist, dann bist du nicht relevant. Wir müssen uns das riesige Potenzial des Internets zu Nutze machen, um die Relevanz von John F. Kennedy und damit auch der Bibliothek zu erhalten. Wir verfolgen dieses Ziel, indem wir all unsere Materialien digitalisieren und so die Worte, Schriften und Ideen Kennedys allgemein zugänglich machen.
Saunders: Durch die Digitalisierung erhöhen wir den Wert unserer Artefakte, indem wir sie inklusive ihres historischen Kontexts langfristig erhalten. Zudem bieten wir den Nutzern auch einen Mehrwert, beispielsweise indem wir Metadaten hinzufügen, die die Suche nach bestimmten Informationen erleichtern. Durch die Einrichtung von Best Practices können wir zudem den Lebenszyklus der Informationen aber auch Vorgänge wie Datensicherung und -schutz sowie Anforderungen im Bereich Compliance und Sicherheit besser verwalten. Für den Fall, dass den Originalen etwas zustößt, etwa durch ein Feuer, können wir so jederzeit qualitativ hochwertige Reproduktionen herstellen.
Die UNESCO-Sprecherin Joie Springer hat gesagt, dass das Erbe der Menschheit allen Menschen gehört und für alle jederzeit zugänglich sein sollte. Was leisten Sie, um sich diesen neuen Herausforderungen an Ihre Bibliothek zu stellen?
Dr. Knoche: Die originalen Zeugnisse der kulturellen Überlieferung müssen der Forschung zur Verfügung stehen. In zweiter Linie, wenn dies konservatorisch möglich ist, der Bildung, etwa durch Ausstellungen. Die digitalen Abbilder der kulturellen Überlieferung jedoch können ubiquitär verfügbar gemacht werden und ein unbegrenztes Publikum erreichen. Wir nähern uns diesem Ziel mit kleinen Schritten, indem wir Jahr für Jahr einige Hunderttausend Einzelseiten unserer wichtigsten und kostbarsten Bücher digitalisieren. Dies geschieht nicht quick and dirty wie bei Google, sondern immer mit zusätzlichen Kontext-Informationen.
Wie werden die neuen Medien das Bibliothekswesen insgesamt verändern?
Dr. Knoche: Meiner Meinung nach werden die Bibliotheken die erfolgreichsten sein, die sich zu Knotenpunkten für gedruckte und digitale Informationen, und zwar genau in dieser Doppelfunktion, entwickeln. Ihr äußeres Erscheinungsbild wird sich wandeln, und manche werden Computerlaboratorien und Lernzentren ähnlicher werden. Aber auch im modernsten bibliothekarischen Cyberspace wird man mit unterschiedlicher Intensität und Absicht Bücher studieren. Hinzu kommt: Alte Bücher haben einen intrinsischen Wert. Man wird sie nach der Digitalisierung nicht im Ernst wegwerfen wollen. Man vernichtet auch kein Rembrandt-Gemälde, nachdem man es fotografiert hat. Deshalb ist die Zukunft der alten Bibliotheken noch verheißungsvoller als die aller anderen Bibliotheken. Sie stellen der Forschung die Originale zur Verfügung und liefern gleichzeitig die Vorlagen für elektronische Duplikate. Sie verfügen vielleicht über einen Rokokosaal als auratischen Ort des Wissens, aber sie können dieses alte Wissen auch über ein umfassendes Informationsangebot im Netz vermitteln.
Saunders: Digitale Medien werden die Kernfunktion einer Bibliothek nicht verändern, aber erweitern. Die Materialien sind einfacher zugänglich, der Einsatz moderner Technologie macht das Leben und Werk Präsident Kennedys auch für jüngere Generationen interessant. Kennedy selbst wusste neue, moderne Technologien zu schätzen und glaubte daran, dass diese in das tägliche Leben der Menschen integriert werden sollten. Die Ideen und Werte Kennedys bleiben durch die Digitalisierung des Materials lebendig und erinnern uns daran, woher wir kommen und wie weit wir es bringen können.
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