Aufbruch in die Enterprise 2.0-Ära
20 Jahre ist das Internet jetzt alt. Wer ahnte zu Beginn der neunziger Jahre, in welch tiefgreifender Weise das World Wide Web die Welt verändert? Das Netz ist heute bis fast in den letzten Winkel der Erde vorgedrungen, es prägt unsere Lebensgewohnheiten und ist aus Wirtschaft und Gesellschaft nicht mehr wegzudenken. In Deutschland sind Internetfirmen zu einem wichtigen Zugpferd der Volkswirtschaft geworden. Ihr Umsatzvolumen lag 2008 bei 46 Milliarden Euro. Knapp die Hälfte davon entfielen laut eco-Verband allein auf den Bereich E-Commerce. Das Internet ist Vertriebskanal, Informationsquelle und Kommunikationsplattform in einem. Es spielt außerdem eine überragende Rolle als Globalisierungsfaktor – nicht nur im Hinblick auf ökonomische Verflechtungen, sondern auch unter kulturellem und politischem Aspekt.
Das Web wird interaktiv
So vielfältig die Auswirkungen des Word Wide Webs auch sind – als Medium blieb es lange Zeit weitgehend transaktionsorientiert. Eine E-Mail beispielsweise ist nichts anderes als eine Transaktion von Mensch zu Mensch. Der Web-Zugriff auf eine Kunden- oder Auftragsdatenbank ist eine Mensch-Maschine-Transaktion. Genau diese Tatsache änderte sich mit Web 2.0 fundamental. Der Begriff selbst wurde 2005 durch einen vielbeachteten Zeitschriftenartikel des Internetpioniers Tim O´Reilly populär. Dabei ging es ihm aber nicht um bestimmte Technologien, sondern um all jene Plattformen und Verhaltensweisen im Web, deren gemeinsamer Nenner Interaktivität und Teilhabe heißt. Wikis, Blogs, Facebook und Twitter stehen pars pro toto für das neue interaktive Mitmach-Web.
Heute ist es keine Frage mehr, ob, sondern nur noch wann und auf welchem Weg dieser Trend auch auf Unternehmen übergreift. Der digitale Lebensstil – im Privatleben längst verankert – macht auf Dauer auch vor Firmentüren nicht halt. Statt diesen Übergang zum Enterprise 2.0 unkontrolliert über sich ergehen zu lassen, sollten Manager das Heft rechtzeitig in die eigenen Hände nehmen. Nur so vermeiden sie Fallstricke und können das Potenzial von Social Software optimal ausnutzen. Enterprise 2.0 steht für alle Unternehmen, die diesen Pfad bereits eingeschlagen haben und interaktive Formen der Web 2.0-Zusammenarbeit im Geschäftsalltag praktizieren. Der Wandel zu Enterprise 2.0 ist im ersten Schritt aber keine rein technische Herausforderung, sondern vor allem eine unternehmerische: Eingefahrene Prozesse der Informationsbeschaffung und Entscheidungsfindung müssen neu überdacht und klare Ziele wie auch Richtlinien formuliert werden für den Einsatz sozialer Medien.
Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben
Die deutsche Wirtschaft tut sich damit schwer. In vielen Chefetagen weiß man überraschend wenig über Chancen und Risiken von Web 2.0, wie eine Umfrage der Cologne Business School ergab. Danach verbanden 20 Prozent von 350 befragten Führungskräften keine deutliche Vorstellung mit dem Begriff Web 2.0. Zwölf Prozent konnten nicht sagen, was ein Blog ist, und 70 Prozent erklärten, dass sie zu wenig über die Möglichkeiten von Social Software wüssten.
Unwissen, dass sich in Zukunft bitter rächen könnte. Denn wer es versäumt, den Wandel rechtzeitig selbst zu gestalten, läuft Gefahr, dass das Web 2.0 unkontrolliert in sein Unternehmen eindringt. Da sich kollaborative Prozesse dabei auf fremde Plattformen verlagern, werden sie nicht mehr von internen Sicherungsmaßnahmen erfasst. Sensible Informationen entziehen sich der Kontrolle. Weder Vertraulichkeit noch Integrität ist garantiert. Compliance lässt sich nicht lückenlos dokumentieren. Außerdem bringen externe Web 2.0-Plattformen jede Menge neue Datenformate ins Haus. Diese lassen sich nicht so ohne weiteres vom unternehmensweiten Wissensmanagement verarbeiten. Die Integration immer neuer Formate in ein Enterprise Content Management (ECM) ist alles andere als trivial. Die wenigsten derzeit verfügbaren ECM-Systeme sind dafür ausgelegt.
Innovationsdruck und kollektive Intelligenz
Noch gravierender sind die verpassten Chancen, wenn das immense Potenzial von Enterprise 2.0 ignoriert wird. Denn vor dem Hintergrund immer kürzerer Innovationszyklen hängt die Wettbewerbsfähigkeit in vielen Märkten davon ab, wie gut es gelingt, mit Social Software Innovationen voranzutreiben. Online-Communities – eine Gruppe von Menschen, die unter einem gemeinsamen inhaltlichen Fokus virtuell zusammenarbeiten – bringen eine Art von kollektiver Intelligenz hervor. Wie Wikipedia zeigt, generieren solche Communities mitunter einen Wissensschatz, der weit mehr ist als die Kenntnissumme der Beteiligten. Voraussetzung für die Entstehung kollektiver Intelligenz ist jedoch die Fähigkeit und Bereitschaft von Menschen, ihr Wissen mit anderen zu teilen. Diese Bereitschaft wiederum erfordert einen kulturellen Wandel im Unternehmen – weg vom Einzelkämpfer, hin zum Teamplayer. Gefragt ist zudem möglichst breite Teilhabe für alle Mitarbeiter. Von oben herab lässt sich eine solche Unternehmenskultur allerdings nicht verordnen. Stattdessen müssen hemmende Hierarchien überwunden und das „Informationsmonopol“ in den Köpfen einiger Weniger aufgebrochen werden.
Unter dieser Sichtweise ist Enterprise 2.0 der entscheidende Hebel, um relevantes Wissen Vieler situationsgerecht vernetzen zu können. Nur so lassen sich Entscheidungsprozesse beschleunigen, und nur so können Unternehmen auf Dauer schritthalten mit dem permanent steigenden Markttempo in vielen Branchen. Im Übrigen können Enterprise 2.0-Communities auch viel dazu beitragen, Informationsbeschaffungskosten nachhaltig zu senken.
Hilfestellung kommt aus den Wolken
Nach 20 Jahren Internet nimmt ein weiterer Megatrend immer klarere Konturen an: Cloud Computing – das neue IT-Paradigma, das sich vom SaaS-Gedanken herleitet und auf vollständig virtualisierten IT-Umgebungen basiert. Clouds verändern grundlegend die Art und Weise wie IT-Dienstleistungen erbracht, genutzt und abgerechnet werden. IT wird sozusagen zu einem puren Service, der bei Bedarf ad-hoc gebucht und ebenso schnell wieder abbestellt werden kann. Planbare Fixkosten statt schwer kalkulierbarer Investitionen und keinerlei Technologierisiko – damit erscheint das Cloud-Modell ideal auch zur Einführung von Enterprise 2.0-Plattformen. Um auch an dieser Stelle Sicherheits- und Compliance-Probleme von vornherein zu umgehen, sollten Enterprise 2.0-Clouds als sogenannte private Clouds ausgelegt sein. Denn hier erstreckt sich die IT-Wolke ausschließlich über abgesicherte Netzwerkleitungen auf die Cloud-Plattform eines IT-Providers.
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