Sana-Projekt stellt sich den Herausforderungen der Telemedizin

von Micky Baca

Förderung von Best Practices im Gesundheitswesen
Mitglieder von Sana im Konferenzgespräch mit Vertretern der Weltgesundheitsorganisation WHO. Die beiden Gruppen verfolgen ein gemeinsames Ziel: Bewährte Best Practices der Mutter-Kind-Gesundheitsversorgung sollen für einheimische Gesundheitshelfer – die so genannten "Community Health Workers" – verfügbar gemacht werden, die in abgelegeneren Regionen an vorderster Front arbeiten. Foto von Richard Lu
Moderne Technologie ist nicht alles

17. Juni 2010 – Eine Gruppe von Studenten des MIT (Massachusetts Institute of Technology) und der Harvard-Universität hat eine Plattform auf Mobiltelefonbasis für bessere Gesundheitsversorgung in Entwicklungsländern entwickelt. Nun macht sie sich mit der Anwendung der Innovation unter realen Bedingungen daran, völlig neue Herausforderungen zu bewältigen.

Sana, das vor Kurzem noch Moca (kurz für Mobile Care – also mobile Gesundheitsversorgung) hieß, aber wegen eines Konflikts mit einer anderen Organisation gleichen Namens umbenannt werden musste, nutzt Smartphones mit dem Betriebssystem Android als Grundlage für die Entwicklung einer durchgängigen medizinischen Remote-Diagnoseplattform. Die Zielgruppe dieses Angebots sind diejenigen, die die Gesundheitsversorgung für abgelegene Orte übernehmen. Es nutzt die Tatsache, dass die meisten Menschen weltweit in Reichweite eines Mobiltelefonfunkmasts wohnen. Sana ermöglicht es den Anbietern von Gesundheitsleistungen in abgelegenen Gebieten, über einen zentralen Server schriftliche Informationen, Fotos, Audio- und Videodaten, Röntgenaufnahmen und sofern verfügbar Ultraschallaufnahmen für eine Diagnose an geschultes medizinisches Fachpersonal zu senden.

Dr. Leo Anthony Celi ist Forschungsstipendiat in Medizinischer Informatik am Harvard-MIT Health Services and Technology, und Mitentwickler des Sana-Projekts. Er sagt, dass seine Gruppe in den letzten zwei Jahren festgestellt hat, dass die Technologie funktionieren wird. Und er gibt zu: "Wir dachten, dass wir die Implementierung jetzt schon hinter uns hätten." Sana musste jedoch feststellen, dass die größte Hürde nichts mit Technologie zu tun hat: Bevor derartige Verbesserungen umgesetzt werden können, müssen logistische, politische, kulturelle und finanzielle Barrieren überwunden werden.

"Am MIT findet man überall Innovationen, und viele Projekte kommen bis in die Pilotphase", sagt Celi, "Viele von ihnen kommen aber nicht darüber hinaus." Das kritische Element besteht darin, dass die einzelnen Interessenvertreter den Wert einer Technologie erkennen und zusammen an ihrer Nutzung arbeiten, sagt er. "Wenn das Mehrarbeit [für die Gesundheitsdienstleister] bedeutet, kann man es vergessen. Dann funktioniert es nicht", fügt er hinzu, "Wir haben erkannt, dass Technologie hauptsächlich dazu genutzt werden muss, die vorhandene Infrastruktur im Gesundheitsbereich zu unterstützen und zu stärken."

Aus diesem Grund verlagert Sana seinen Schwerpunkt von der Technologieentwicklung auf die Arbeit an einer Implementierungsstrategie für die erfolgreiche Einführung seines Systems dort, wo es benötigt wird. Eine der Veränderungen ist laut Celi die Erweiterung des lokalen Teams über die kleine Gruppe der zumeist studentischen Entwickler hinaus. Diese hatten zuvor die Arbeit an Sana in einem 2008 stattgefundenen Kurs mit dem Namen NextLab am MIT angeführt.

Sana arbeitet mit der Harvard School of Public Health und der Harvard Business School zusammen. Dadurch sollen an sozialer Unternehmensführung interessierte Wirtschaftsstudenten und Studenten sowie Ärzte aus dem Bereich öffentliche Gesundheitspflege mit unterschiedlichen medizinischen Fachgebieten für das Team in Cambridge/Massachusetts gewonnen werden. Acht Fachgebiete und Unterfachgebiete sind derzeit in der Gruppe vertreten. Auch Post-Doktoranden aus dem Bereich Medizinische Informatik von den verschiedenen Harvard-Krankenhäusern wurden in das Team aufgenommen.

Sana baut zudem eine formelle Partnerschaft mit der Harvard School of Public Health auf. Celi erläutert, dass diese verstärkt an der Unterstützung der Einführung von eHealth-Lösungen in Entwicklungsländern interessiert ist.

Sana wiederum sucht Partnerorganisationen in Ländern, in denen es hofft, seine neue Technologie einsetzen zu können, um ähnlich breit gefächerte Teams zusammenzustellen.

Den Erläuterungen von Celi zufolge hat Sana bemerkt, dass sein lokales Team allein nicht ausreicht, um das innovative Systeme in Entwicklungsländern zu etablieren und das Programm auf den Weg zu bringen.

Ein Kurs in Kooperation

Im Mittelpunkt der neuen Vorgehensweise von Sana steht ein Kurs, der für das kommende Frühjahr am MIT geplant ist. Inhalte sollen die Best Practices für Design, Implementierung und Evaluierung mobiler Gesundheitstechnologie (mHealth) und anderer eHealth-Lösungen sein. Er wird Anleitungen dafür enthalten, wie zusammen an der Implementierung mobiler Technologien gearbeitet werden kann. Das erste Sana mHealth Lab wird lokal durchgeführt. Celi erklärt jedoch, das Sana mit Universitäten in Mexiko, Indien und auf den Philippinen zusammenarbeitet, um auch Studenten an diesen Standorten die Teilnahme zu ermöglichen, sobald der Kurs eingerichtet wurde.

"Eines der Hauptziele des Kurses ist die gegenseitige Befruchtung mit Ideen", erläutert Celi, "Wir möchten, dass Studenten hier von anderen Studenten in Partnerorganisationen lernen, wie Telemedizin-Initiativen umgesetzt und skaliert werden."

Schließlich werden die Unterrichtsmaterialien allen weltweit zur Verfügung gestellt, die sie haben möchten.

"Wir möchten nicht nur Software bereitstellen, sondern lehren, wie Lösungen konzipiert werden. Und wir möchten Gruppen zusammenbringen", sagt Celi, "Wenn dieses Vorhaben erfolgreich sein soll, müssen alle Anreize gebündelt und ausgerichtet werden. Technologie ist der einfachste Teil. Die größte Herausforderung besteht darin, dass alles zusammen funktioniert."

In diesem Kurs wird es auch um Probleme gehen. So muss zum Beispiel Gesundheitsversorgern in ländlichen Gebieten vermittelt werden, wie wichtig die Dokumentation der Leistungen ist, die sie erbringen. Viele führen überhaupt keine Aufzeichnungen, erklärt Celi.

"Wir möchten, dass Studenten hier von anderen Studenten in Partnerorganisationen lernen, wie Telemedizin-Initiativen umgesetzt und skaliert werden." Dr. Leo Anthony Celi, Forschungsstipendiat im Bereich Medizinische Informatik, Harvard-MIT Health Services an Technology, und Mitentwickler des Sana-Projekts

Im vergangenen Februar veröffentlichte Sana den Quellcode für sein System. Diesen können Gesundheitsdienstleister weltweit somit als Bausteine für die Anpassung von Telemedizinsystemen an ihre Anforderungen nutzen. Dass Sana-Software nun Open Source ist, gehört zum erforderlichen kooperativen Ansatz für die Nutzung von Technologie zur Verbesserung der Gesundheitsversorgung weltweit. Wenn Andere die Software nutzen, tragen sie in Open-Source-Tradition auch zu ihrer Verbesserung bei.

Im Laufe des Sommers wird Sana Entwicklungs-Workshops in Indien und auf den Philippinen durchführen. Diese sollen Nutzern der Software helfen, Funktionen zu ihren Systemen hinzuzufügen.

Fortschritte bei der Mittelbeschaffung

Partner dazu zu bringen zu investieren, ist für die erfolgreiche Implementierung von Sana entscheidend. Dabei geht es sowohl um finanzielle Investitionen als auch um das Engagement für Veränderungen bei der Gesundheitsversorgung zur Unterstützung der neuen Technologie.

Sana möchte sich nicht darauf verlassen, dass Subventionen für Projekte in Entwicklungsländern gezahlt werden, denn derartige Mittel laufen häufig nach ein oder zwei Jahren aus. Unternehmen engagieren sich eher nicht für Projekte, an denen sie kein wirtschaftliches Interesse haben, meint Celi.

Deshalb arbeitet Sana daran, private, langfristige Finanzierungsquellen zu erschließen und kann dabei einige Fortschritte verzeichnen. Derzeit wird am Aufbau einer Beziehung zu E Health Point gearbeitet. Dieses gewinnorientierte Unternehmen in Indien betreibt Kliniken in abgelegenen Dörfern und ist daran interessiert, Sana für die eigene Nutzung anzupassen.

In der Zwischenzeit bemühte sich Sana erfolgreich um verschiedene Beihilfen. Diese werden als Unterstützung für die Finanzierung des neuen MIT-Kurses und die Anstellung eines Vollzeitentwicklers genutzt, der die Tätigkeiten koordinieren wird. Zu diesen finanziellen Beihilfen zählen eine Prämie im Wert von 100.000 US-Dollar der Vodafone Americas Foundation, außerdem 50.000 US-Dollar von der mHealth Alliance und 33.000 US-Dollar vom India Innovation Fund for Building Partnerships for Mobile Based Healthcare Technology.

Sana arbeitet mit der mHealth Alliance und der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zusammen. Alle drei haben gemeinsame Ziele: Sie wollen den einheimischen Gesundheitshelfern, so genannten "Community Health Workers" (CHWs), die an vorderster Front arbeiten, die bewährten Best Practices der Mutter-Kind-Gesundheitsversorgung in die Hand geben. Außerdem wollen sie die Einhaltung dieser Best Practices verfolgen. Es sind Entscheidungsbaum-Algorithmen in die Sana-Plattform eingebettet, die den CHWs bei der Einschätzung, Auswahl und Behandlung von Patienten helfen werden.

Eine Überweisung zu einem Geburtshelfer bei Risikoschwangerschaften kann z. B. bei CHWs standardisiert werden, die Sana nutzen. Dafür werden die Kriterien wie von der WHO definiert eingebunden und der Überweisungsvorgang wird automatisiert. Mit Sana können die WHO und die mHealth Alliance jetzt nicht nur Ländern für verschiedenste Gesundheitsversorgungsprozesse Empfehlungen anbieten, sondern auch ein Tool, das diese Empfehlungen in den Arbeitsalltag der CHWs integriert. Zudem wird die Umsetzung dieser Empfehlungen gemessen und zum Zweck der Qualitätsverbesserung mit der Verfolgung klinischer Ergebnisse verbunden.

Sana gehört zu den Technologien, die in einer Smithsonian-Ausstellung im Cooper-Hewitt National Design Museum in New York City mit dem Titel "National Design Triennial, Why Design Now?" gezeigt werden.

Sana versucht, mithilfe von Mobiltelefontechnologie bessere Gesundheitstechnologie für abgelegene Kliniken wie die auf den Philippinen bereitzustellen.

Teammitglieder nehmen die Herausforderung an

Ted Chan, seit Kurzem MBA-Absolvent der Sloan School of Management des MIT, ist ein langjähriges Mitglied des Sana-Teams. Er beschäftigt sich schwerpunktmäßig damit, wie man Sana zu einem nachhaltigen Geschäftsmodell machen kann. Technologie allein, meint er, "reicht fast immer nicht aus", will man ein Projekt zur sozialen Verbesserung umsetzen. Ein technisches Konzept funktioniert im Labor, erläutert er, aber es ist unternehmerisches Denken gefragt, um Probleme in der realen Welt zu lösen. Er konzentriert sich auf soziale Unternehmensführung – mit Business-Tools und -Technologie für soziale Veränderungen.

Sana, so meint Chan, muss größer werden als die wenigen Benutzer mit Hunderten von Patienten, die an den Pilotprogrammen beteiligt waren. Es müssen mehrere Tausend Benutzer mit Millionen von Patienten werden. Dafür werden durchdachte Workflow-Management-Strategien benötigt. "Es sind viel Energie, Kapital und intelligente Menschen erforderlich", sagt Chan, "Es ist eine Mischung aus Technologie und der Beschaffung umfangreicher finanzieller Mittel. Ein Unternehmer kann wirklich große Wirkung erzielen."

Genau genommen plant Chan, ein Unternehmen zu gründen. Dieses soll Software für die Entwicklung und Implementierung von Telemedizininnovationen in großem Umfang auf den Philippinen anbieten. Er sagt, er zieht ein gewinnorientiertes Modell für soziale Verbesserungsbemühungen vor, weil eine nicht auf Gewinn ausgerichtete Vorgehensweise zu Abhängigkeiten führt. Die Leiter derartiger Organisationen müssen sich die Hälfte der Zeit darum kümmern, Spenden zu sammeln.

Laut Chan trägt der Open-Source-Code von Sana dazu bei, dass das Projekt auch ohne erhebliche Entwicklungskosten vorankommt. "Es muss jemand da sein, der es annimmt und sagt, wie man es verbessern kann", erklärt er, "Die Entwicklung eines lückenlosen Telemedizinsystems von Grund auf würde mehrere Millionen Dollar kosten."

Jonathan Payne ist Sana-Teammitglied und seit Kurzem Absolvent der Harvard School of Public Health mit einem Master im Bereich Health Policy Management. Für ihn macht der einzigartige Ansatz von Sana zur Verbesserung der Weltgesundheit das Projekt attraktiv. Die Gruppe hat in dem Bemühen, mobile Technologie für die Verbesserung der Gesundheitsversorgung in ländlichen Gebieten zu nutzen, eine nachhaltige Kooperation aufgebaut. Jetzt arbeitet Sana daran, diese Kooperationsvorstellung im öffentlichen Gesundheitswesen in seiner Gesamtheit auszuweiten.

Dass Sana mit Gesundheitseinrichtungen in ländlichen Bereichen zusammenarbeitet, um sein System für mobile Pflege auf ihre Anforderungen und Fähigkeiten abzustimmen, ist ein weiterer Aspekt, der das Projekt von anderen abhebt, findet Payne.

Es wird schwierig werden, die vielen Hindernisse der Implementierung der Technologie in abgelegenen Regionen in Entwicklungsländern zu überwinden, meint er. Es ist allerdings ermutigend, dass im Bereich öffentliche Gesundheit in den letzten Jahren entschieden wurde, dass es sich lohnt, den Einsatz einer derartigen Technologie in diesen Regionen weiterzuführen. Es hat für Sana Priorität, den Wert der Kooperation in der globalen Gemeinschaft des Gesundheitswesens zu vermitteln. Dies wird Paynes Ansicht nach helfen, Best Practices zu fördern.

Er fügt hinzu, dass Sana sich für die Unterstützung von Best Practices in der ländlichen Gesundheitsversorgung einsetzt – und zwar auch dann, wenn sie nichts mit der Sana-Technologie zu tun haben.

Fortschritte auf den Philippinen

Universitätsteam lernt die Grundlagen

Über die Hälfte der Bevölkerung auf den Philippinen hat keinen Zugang zur Gesundheitsversorgung, weil in ländlichen Gebieten Ärzte fehlen. Jose Eugenio Quesada, ein IT-Professor am Asia Pacific College (APC) in Makati City, glaubt, dass Sana helfen kann, dieses Problem zu lösen.

Quesada erfuhr von der Arbeit von Sana am MIT, als die Teammitglieder Ted Chan und Katherine Kuan im Juli 2009 in Manila über das Projekt sprachen. Jetzt steht er an der Spitze eines Teams aus APC-Studenten und Absolventen, das unter Einsatz von Sana in Verbindung mit OpenMRS eine standardisierte Krankenaktendatenbank untersucht, die für die Integration in Sana konzipiert wurde.

Quesada arbeitet über das Internet mit dem Sana-Team am MIT zusammen. Auf diese Weise erhält sein Team Unterstützung bei der Installation und Schulungen zu den verschiedenen Komponenten der mobiltelefonbasierten Plattform. Das Ziel ist es, das System individuell anzupassen. Ärzte, die jetzt in städtischen Bereichen des Landes konzentriert sind, sollen dadurch ihren Arbeitsbereich auf die Landbevölkerung ausweiten können, die ihre Hilfe dringend benötigt.

Derzeit konzentriert sich sein Team darauf, die technologischen Grundlagen zu lernen. Der Sana-Dispatch-Server sowie OpenMRS wurden installiert, und eine Krankenakte konnte erfolgreich vom Telefon zu OpenMRS übertragen werden. Das Team wird mit den Sana-Mitgliedern zusammenarbeiten, deren Philippinen-Besuch über den Sommer geplant ist.

Die von Quesada geleiteten Arbeiten werden von der CS Foundation Inc., einer gemeinnützigen Organisation, die Hilfsprojekte für die philippinische Bevölkerung unterstützt, sowie von APC finanziert. Seine Gruppe arbeitet derzeit an einem System für elektronische Krankenakten, das von Grund auf für die Noordhoff Craniofacial Foundation Philippines, Inc., entwickelt wird. Es handelt sich hierbei um eine gemeinnützige Organisation, die Kinder mit Lippen-Kiefer-Gaumenspalte behandelt. Wenn das System implementiert wurde, werden Quesada und sein Team zusammen mit den Ärzten die Nutzung von Sana testen und ein Pilotprojekt durchführen.

Quesada räumt ein, dass seine Gruppe bei der Implementierung von Sana in seinem Land vor vielen Hindernissen steht. Die Bewältigung der technischen Herausforderungen sei jedoch zur Zeit ihre Hauptaufgabe. Darüber hinaus, sagt er, plant seine Gruppe die Zusammenarbeit mit Ärzteorganisationen, um die "Probleme gemeinsam anzugehen".

Notes: