Quelle: ON Magazine
Von Tim Devaney und Tom Stein
29. Juni 2010: Jeff Clavier ist der Gründer von SoftTech VC, einem Business-Angel-Fonds für Neuunternehmen, der bereits in etwa 41 Start-up-Unternehmen investiert hat. Die meisten dieser Unternehmen agieren im Bereich Web 2.0 und Internet.
Aus einem Geschäftsalltag wie Ihrem ist das Web längst nicht mehr wegzudenken. Wie hat sich Ihr eigenes Leben in den letzten 20 Jahren durch das Web verändert?
Im Grunde hat das Web ein Leben wie meines erst ermöglicht: Ich habe zwar ein Büro im kalifornischen Palo Alto, bin aber auch unterwegs immer bereit für die Arbeit. Ich brauche lediglich eine WLAN-Verbindung und Strom für meinen Laptop, und schon ist mein mobiles Büro einsatzbereit. Heute haben wir alle Tools immer dabei – ganz anders als noch vor 20 Jahren. Der enorme Fortschritt innerhalb dieser kurzen Zeit versetzt mich immer wieder in Erstaunen.
Sie haben sich selbst als "lebendiges mobiles Büro" bezeichnet. Sehen Sie sich wirklich so?
Ja. Früher brauchte ich dazu meinen Laptop, Strom und eine Internetverbindung. Jetzt ist selbst dies nicht mehr nötig, da alles über mein iPhone läuft. Es wird auch in den USA höchste Zeit für ein richtiges 3G-Netz. In dieser Hinsicht sind die Staaten immer noch ein Entwicklungsland – zumindest im Vergleich mit Frankreich, wo die Bandbreite höher ist und 3G tatsächlich für hohe Geschwindigkeiten steht. Auf jeden Fall ist kein Laptop mehr nötig, weil sehr viele Informationen und ein großer Teil der Infrastruktur auch per Mobiltelefon oder Smartphone verfügbar sind. Wer nur einen Tag lang unterwegs ist, kommt auch ohne Laptop aus. Diese Entwicklung hat sich in den letzten Jahren ergeben.
Inwiefern hat dies Ihr Leben beeinflusst? Fallen Ihnen in diesem Zusammenhang spontan Anekdoten oder positive Erlebnisse ein?
Ich staune immer wieder darüber, dass man mich im Web finden und anhand dieser Informationen ein sehr genaues Bild von mir zeichnen kann. Andere Menschen können problemlos Informationen über meine Arbeit, mein Verhalten und meine Persönlichkeit beziehen. Kürzlich wollte ich mein Logo aktualisieren und habe 161 Vorschläge dazu erhalten. Die Urheberin des letztlich von mir ausgewählten Logos hatte ausführlich in meinen Blogs und Tweets und auf den Websites einiger meiner Unternehmen recherchiert. Das von ihr vorgeschlagene Design war unglaublich treffend und repräsentierte meine Arbeit haargenau. Sie hatte aus den Informationen im Web äußerst tiefgreifende Schlüsse gezogen.
Früher hätten wir uns für ein solches Design persönlich kennen lernen und viel Zeit miteinander verbringen müssen. Die Designerin hätte auf diese Weise meine Arbeit und meine Gedankengänge nachvollziehen und daraus ein Design entwickeln müssen. Dieses Vorgehen wäre für uns beide sehr zeitaufwändig gewesen. Dank der heutigen Mittel und Wege hat die Designerin auch ohne persönlichen Kontakt den Nagel auf den Kopf getroffen. Ich war sprachlos.
Sehen Sie potenzielle Probleme oder Risiken im Zusammenhang mit dieser Art der Konnektivität, bei der zahlreiche Personen so genaue Informationen über Sie beziehen können?
Uns müssen die mit dieser breiten Verfügbarkeit von Informationen verbundenen Vor- und Nachteile bewusst sein. In meinem Tätigkeitsbereich bin ich sehr präsent. Im Web sind zahlreiche Informationen über mich zu finden. Für mich ist diese Präsenz wichtig, weil Unternehmer so auf mich stoßen, sich über meine Investitionsstrategie informieren und mich schließlich kontaktieren können. Ich verstehe jedoch auch, dass einige Menschen angesichts der Fülle der über sie verfügbaren Informationen – Bilder, Berichte, Zitate – Bedenken haben. Wir müssen uns einfach an diese sofortige und ständige Präsenz gewöhnen und anpassen. Während meine Arbeit für die Öffentlichkeit weitgehend zugänglich ist, gibt es im Web keinerlei Informationen über meine Kinder. Meiner Meinung nach sollten diese Dinge besser privat bleiben. Einige meiner Freunde und Bekannten gehen sehr großzügig mit privaten Informationen um, aber mir ist es wichtig, eine Art "Chinesische Mauer" zwischen mir als öffentlicher Person und meinem Familienleben aufrechtzuerhalten.
Wo ist Ihrer Meinung nach der Einfluss des Webs in der Geschäftswelt und/oder der Gesellschaft am deutlichsten zu sehen? Auf welchen Aspekt des gesellschaftlichen und geschäftlichen Lebens hat es sich am stärksten ausgewirkt?
Jeder Mensch mit Zugang zu einem Computer hat heute auch eine Stimme. Wir können im Web unseren Gedanken Ausdruck verleihen und durch die dort verfügbaren Services Teil einer weltweiten Community werden. Die größte, radikalste Innovation ist also der Zugang zu einem Medium, über das wir potenziell Millionen anderer Menschen erreichen können. Diese grundlegende Neuerung hat das Web uns gebracht.
Die Faszination liegt in den unbegrenzten Möglichkeiten zur Informationsweitergabe, selbst für Menschen in den heikelsten Gegenden der Welt. Sie können mit anderen kommunizieren und der Community ihre Probleme und Herausforderungen näherbringen.
Völlig richtig. Glauben Sie, dieser Prozess wird sich weiter fortsetzen und in der Zukunft zu noch mehr Klarheit und Offenheit führen?
Ja. In meinen Augen ist ein globaleres Bewusstsein entstanden.
Wie stellen Sie sich das Web in 20 Jahren vor?
Ich bin in der glücklichen Lage, durch meine Arbeit mit Unternehmern ein Stück weit in die Zukunft blicken zu können. Jeden Tag wenden sich Menschen an mich, die mir ihre Pläne mitteilen und mich an ihren Visionen teilhaben lassen. Diese Visionen sind manchmal überwältigend. Was die Weiterentwicklung betrifft, spielt das mobile Web eine entscheidende Rolle, das vor allem durch das iPhone revolutioniert wurde. Seit Jahren sprechen wir über Personalisierung, und nun wird sie tatsächlich möglich. In Zukunft wird sich eine Überlagerung der realen Welt mit einer Ebene aus webbasierten Informationen entwickeln, die zusätzliche Informationen über Unternehmen und Personen liefert. Über mobile Geräte werden wir Zugriff auf eine unbegrenzte Menge an Informationen über unsere Umgebung erhalten. Wenn ich beispielsweise auf der Autobahn unterwegs bin, werde ich rechtzeitig vor Staus gewarnt und auf eine alternative Strecke umgeleitet.
Die Webwelt wird somit viel persönlicher und realer. Ich kann nicht sagen, was in 20 Jahren sein wird; 20 Jahre sind eine sehr lange Zeit. Für die nächsten fünf Jahren rechne ich mit einer wie auch immer gearteten radikalen Innovation, durch die Informationen noch verfügbarer werden. Wir müssen dann auch nicht mehr selbst nach Informationen suchen, sondern erhalten sie automatisch.









