Leadership & Innovation
Die Inforati-Dateien
Q&A mit Tom Putnam: Director, John F. Kennedy Presidential Library und Museum
Von Tim Devaney und Tom Stein

Möchten Sie die Originaldokumente von Präsident Kennedy zur Kubakrise lesen? Oder eine Aufzeichnung seiner Antrittsrede anhören, in der er den berühmten Satz formulierte: „Fragen Sie nicht, was Ihr Land für Sie tun kann, fragen Sie lieber, was Sie für Ihr Land tun können.“?

Bisher mussten Sie auf Reisen gehen, um die John F. Kennedy Presidential Library und Museum in Boston zu besuchen. Aber dank eines ambitionierten neuen Projekts, die Dokumente mit 48 Mio. Seiten der Bibliothek zu digitalisieren – sowie 40.000 Fotos, 2,3 Mio. Meter Film, 9.000 Std. Tonaufnahmen und 1.200 Std. Videomaterial – können bald Menschen aus aller Welt ganz bequem von zuhause aus auf diese historischen Schätze zugreifen.

An der Spitze dieser Initiative steht der Leiter der Bibliothek, Tom Putnam. Seiner Ansicht nach wird es viele Jahre dauern, die ganze Sammlung digital zu erfassen und öffentlich über das Internet zugänglich zu machen. Dennoch hat er die Zeit gefunden, sich mit uns über die Macht und das Potenzial von Informationen zu unterhalten.

Wann wurde Ihnen die Macht der Informationen wirklich bewusst?
Caroline Kennedy ist mit Ed Schlossberg verheiratet, der wiederum am Ellis Island Project beteiligt war, einer Initiative zur digitalen Erfassung aller Passagierlisten der Schiffe, die über Ellis Island die USA erreichten. Jetzt gibt es eine Website, auf der Menschen Ahnenforschung betreiben und sich darüber informieren können, wie ihre Vorfahren nach Amerika kamen. Geschichte und Filme bewegen jeden. Aber die Stärke des Ellis Island Projects ist, dass jeder Einzelne eine persönliche Verbindung zu Informationen erhält, die auch Teil der Geschichte unseres Landes sind.

Warum ist es wichtig, die Sammlung der Kennedy-Bibliothek online verfügbar zu machen?
Momentan können nur diejenigen darauf zugreifen, die auch über die erforderlichen Mittel verfügen, um nach Boston zu reisen. Dieses Projekt ermöglicht beispielsweise Studenten aus dem Senegal (Westafrika) von einem PC in Dakar aus, besser zu verstehen, warum Präsident Kennedy das Streben ihres Landes nach Unabhängigkeit unterstützt hat. Zweitens besteht bei unserem derzeitigen Bibliotheksmodell eine innere Spannung zwischen der Erhaltung der Dokumente und der Gewährung des Zugriffs auf sie. Wenn Wissenschaftler kommen, möchten sie die Originaldokumente sehen und berühren, doch dadurch werden diese gefährdet. Durch die Digitalisierung der Dokumente können wir nicht nur einem weltweiten Publikum Zugriff darauf gewähren, wir können die Dokumente auch konservieren und schonen, da sie nicht so häufig benutzt werden müssen.

Was ist die interessanteste Information über Präsident Kennedy, die Ihnen bekannt ist?
Ich bin immer noch überrascht, dass seine Reden mich so berühren. Ein bemerkenswerter Aspekt an ihm und seiner Rhetorik ist, dass beides nahezu unsterblich zu sein schein und seine Aktualität nicht verliert. Vieles von dem, was er sagte, geht nicht nur zurück auf die Gründungsideale unseres Landes, sondern lässt sich auch auf gegenwärtige Probleme anwenden.

Wer sind Ihre Idole im Bereich Informationen?
Ich bewundere Menschen, die aus Informationen aus einer Primärquelle eine wundervolle Geschichte zusammenstellen können. Ich denke beispielsweise an den Präsidentenbiografen David McCullough, der sich alle Dokumente zu einem Präsidenten wie John Adams oder Harry Truman ansehen und sie Jedermann in einer Weise zugänglich machen kann, die einfach fesselnd und interessant ist. Dies sind Menschen, die zum Reichtum der Nation beitragen, indem sie diese Geschichten mit anderen teilen.

Was halten Sie von den Bestrebungen von Google, Bibliotheksbücher zu digitalisieren und dann online durchsuchbar zu machen? Ähnelt dieses Projekt dem Ihren?
Google hat ein Gerät entwickelt, das die Seiten eines Buchs sehr schnell umblättern und dabei einen Scan in niedriger Auflösung durchführen kann, und das ist großartig. Aber unser Projekt ist anders, da wir es mit unbezahlbaren Dokumenten zu tun haben, daher können wir das Scannen nicht einer Maschine überlassen. Die Aufgabe muss von einem echten Menschen ausgeführt werden, der weiße Handschuhe trägt, um die Dokumente nicht zu beschädigen. Und wir müssen mit höherer Auflösung scannen, denn unsere Dokumente sind deshalb so interessant, weil sie die Handschrift von Präsident Kennedy enthalten. Wir müssen auch die Randbemerkungen erfassen, damit die Leser die kleinen, handschriftlichen Änderungen sehen können, die er an seinen Reden vornahm.

Vervollständigen Sie diesen Satz: Informationen sind…
Ich bin ein traditioneller Historiker, daher sage ich: Historische Informationen sind tatsächlich die Essenz unserer Identität als Volk.

Vervollständigen Sie diesen Satz: In Zukunft werden Informationen…
Informationen werden für jedermann zugänglich sein, man wird also weniger „Informationshüter“ benötigen. Ich denke, dadurch wird Geschichte demokratisiert werden. Der Einzelne wird in der Lage sein, sich eine eigene Meinung über die Geschichte zu bilden, anstatt dass ihm gesagt wird, was er denken soll.

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