Wirtschaftsspionage ist so alt wie die Wirtschaft selbst. Immer skrupelloser und mit immer neuen Tricks gehen „Industriespione" vor, um an das geistige Eigentum von Unternehmen zu kommen. Dabei ist es nicht immer die Konkurrenz, die spionieren lässt. Auch staatlich gelenkte Angriffe nehmen zu. Die Folgen: Mindereinnahmen von rund neun Milliarden Euro allein in der Automobilindustrie, rund 30 Milliarden Euro Schaden für die deutsche Wirtschaft insgesamt, 70.000 verlorene Arbeitsplätze. Grund genug für Unternehmen, sich der Risiken bewusst zu sein und wirkungsvolle Gegenmaßnahmen zu ergreifen. ON sprach mit Nicole Weyerstall (Leiterin Industriekunden Financial Lines, AIG Versicherung) und Christian Schaaf (Geschäftsführer Corporate Trust) über Wirtschaftsspionage, ihre Auswirkungen und wie sich Unternehmen effektiv gegen den Abfluss von Informationen und vor Diebstahl geistigen Eigentums schützen können.
Herr Schaaf, beim Thema Spionage liegt die Assoziation zu James Bond und ähnlichen Meisterspionen aus Kino und Fernsehen nahe. Wie viel haben die dort gezeigten Methoden mit der Realität zu tun?
Schaaf: Das was möglich ist und tatsächlich gemacht wird, geht weit über das hinaus, was in Filmen gezeigt wird. Dabei müssen es gar nicht immer die hochspezialisierten technischen Gadgets à la James Bond sein. Wir beobachten, dass die „gute alte" Wanze im Moment ein Comeback erlebt. Weil Firmen ihre Faxe und E-Mails mehr und mehr verschlüsseln, setzen Spione wieder aufs Abhören - mit Erfolg. Zudem kann man davon ausgehen, dass nicht nur Konkurrenzunternehmen, sondern auch die organisierte Kriminalität über technische Möglichkeiten verfügen, die über das hinausgehen, was man in Spionagefilmen sieht.
Wo liegen Ihrer Einschätzung nach die größten Risiken, wenn es um das geistige Eigentum eines Unternehmens geht? Welche Bedrohungsszenarien gibt es für Unternehmen und wo liegen die Schwachstellen?
Schaaf: Die Risiken und Bedrohungsszenarien sind so vielfältig, dass sich diese Frage nicht so leicht beantworten lässt. Allein über die technische Ausstattung, die IT und die Telekommunikationsanlagen gibt es eine Vielzahl von Angriffsmöglichkeiten. Zudem stehen wir heute vor dem Problem, dass klassische Wirtschaftsspionage auch von ausländischen Geheimdiensten betrieben wird. Diesen Einrichtungen stehen die entsprechenden technischen und finanziellen Möglichkeiten zur Verfügung.
Dies wird sogar mehr oder weniger offen zugegeben. Manche Länder machen keinen Hehl daraus, dass sie ihre Geheimdienste anweisen, Wirtschaftsspionage zu betreiben, um westliches Know-how ins eigene Land zu holen. In Ländern wie China und Russland ist es ein verbrieftes Staatsziel, das Niveau der westlichen Industriestaaten zu erreichen - mit allen erforderlichen Mitteln, wie Russlands Ex-Präsident Putin mehrmals öffentlich betont hat.
Frau Weyerstall, die AIG Versicherung ist der einzige Anbieter, bei dem sich Unternehmen gegen Wirtschaftsspionage versichern können. Wie ist die Resonanz auf dieses Angebot?
Weyerstall: Die Resonanz seitens Kunden und Presse ist überwältigend und zeigt uns, wie wichtig dieses Thema und die erstmalig mögliche Absicherung für Unternehmen ist. Wir bekommen täglich Anfragen von Maklern und Unternehmen, die sich für den Versicherungsschutz interessieren und um die Erstellung eines individuellen Angebots für ihr Unternehmen bitten. Insbesondere die Möglichkeit der professionellen Ermittlung bei einem Spionageverdacht stößt bei Unternehmen jeder Größe auf Interesse.
Wann tritt ein solcher Versicherungsfall ein und welche Schäden sind dann abgedeckt?
Weyerstall: Der Versicherungsfall tritt schon bei einem Verdacht auf Spionage ein. Wir übernehmen dann die Kosten für die Ermittlungen durch Corporate Trust. Auch wenn sich herausstellt, dass es keine Spionage gab, werden diese Kosten nicht vom Unternehmen zurückgefordert. Sollte es zumindest einen versuchten Spionagefall gegeben haben, erstellt die Kanzlei Taylor Wessing ein umfassendes Rechtsgutachten mit einer Empfehlung für das Unternehmen. Zudem werden - falls notwendig - auch die Kosten für die Wiederherstellung der Reputation übernommen. Wenn es einen Spionagefall gab und die Betriebs- oder Geschäftsgeheimnisse von Dritten verwendet werden, erstatten wir Schadenersatz in Form einer „fiktiven Lizenzgebühr" und übernehmen Schadenersatz bei Betriebsunterbrechung.
Was ist die „fiktive Lizenzgebühr"?
Weyerstall: Den Unternehmen fällt es in einem Spionagefall sehr schwer, den tatsächlich erlittenen Vermögensschaden nachzuweisen. Die „fiktive Lizenzgebühr" stellt den finanziellen Wert dar, den das Betriebs- oder Geschäftsgeheimnis hätte, wenn man es hätte veräußern wollen. Berechnet wird die „fiktive Lizenzgebühr" von Frau Dr. Nestler von der Firma Valnes, die staatlich geprüfte und vereidigte Gutachterin auf diesem Gebiet ist. Somit muss das Unternehmen keinen Schadennachweis erbringen.
Würden Sie der These zustimmen, dass Informationen in der modernen Geschäftswelt zum wichtigsten Kapital eines Unternehmens gehören?
Schaaf: Ja, absolut! Informationen und Innovationen sind das Kapital vor allem auch von deutschen Unternehmen. Das liegt auch daran, weil Deutschland über kaum nennenswerte Rohstoffe verfügt. Daher sind die Innovationsfähigkeit und die Fähigkeit, diese Innovationen schnell und effektiv in hochwertige Produkte umzusetzen, unsere wichtigsten Güter.
Welche Art von Informationen stehen bei Spionen besonders hoch im Kurs?
Schaaf: Wir haben kürzlich eine Studie zum Thema Industriespionage in Deutschland durchgeführt. Demnach sind es nicht - wie man annehmen könnte - die Informationen aus der Forschungs- und Entwicklungsabteilung, die Industriespione an erster Stelle interessieren. Es sind vielmehr Daten aus dem Vertrieb, die für Spione wertvoll sind. Exakt 20 Prozent der Vorfälle fanden hier statt. Neben Vertriebsstrategien stehen dabei auch Informationen zu Vertriebswegen und Vertriebsmitarbeitern auf der Wunschliste. Forschung & Entwicklung kam auf Rang 2, der Bereich Personal auf Rang 3. Natürlich sind aber auch technische Innovationen sowie das Know-how bei den Produktionsabläufen Ziel der Ausspähung.
Was sind darüber hinaus die wichtigsten Erkenntnisse aus Ihrer Studie?
Schaaf: Wir haben festgestellt, dass der Informationsabfluss durch eigene Mitarbeiter eine der größten Gefahren zu sein scheint. Von den geschädigten Unternehmen hatten über 20 Prozent einen Verrat von Interna aus den eigenen Reihen zu beklagen. Wenn der Informationsabfluss über den eigenen Mitarbeiter läuft, dann nützen rein technologische Schutzmaßnahmen gegen Angriffe von außen nur wenig. Dabei gibt es zwei Sorten von Innentätern: Die eine handelt aus Leichtsinn oder Leichtfertigkeit, ohne sich des Risikos bewusst zu sein.
Die andere ist kriminell motiviert und verkauft die Informationen bewusst. Erstaunlich ist auch, dass die wenigsten Unternehmen darauf achten, ihre vertraulichen Gespräche an einem geschützten Ort durchzuführen. So ist das schlichte Abhören von Besprechungen eine weitere sehr häufige Form der Wirtschaftsspionage.
Was sollten Unternehmen Ihrer Ansicht nach tun, um sich wirkungsvoll gegen Wirtschaftsspionage und den Missbrauch ihres geistigen Eigentums zu schützen?
Schaaf: Aufklärung und Sensibilisierung der eigenen Mitarbeiter sollte eine der ersten Maßnahmen sein. Zudem ist es wichtig, ein ganzheitliches Informationsschutzkonzept und eine umfassende Risiko-Management-Strategie zu implementieren. Das heißt zuallererst, eine Risikoanalyse durchzuführen, um Schwachstellen und potenzielle Angriffsziele zu identifizieren, bevor man entsprechende Gegen- und Schutzmaßnahmen ergreift. Oft wird beispielsweise der Abhörschutz völlig vernachlässigt, obwohl er eine zentrale Stellung beim Schutz gegen Industriespionage hat.
Weyerstall: Das Wichtigste für Unternehmen ist die Prävention. Aus diesem Grund haben wir uns entschlossen, jedem Unternehmen, das unseren Versicherungsschutz einkauft, einen Tag Präventionsberatung durch Corporate Trust bei Abschluss und bei jeder Verlängerung des Versicherungsvertrages zu finanzieren.
Können Sie uns einige Beispiele für „erfolgreiche" Wirtschaftsspionage nennen?
Schaaf: Es hat einen Fall gegeben, in dem der Besprechungsraum eines Unternehmens vor einer Vorstandssitzung von Spezialisten gründlich auf Wanzen untersucht und für sauber befunden worden ist. Die Vorstände haben dort getagt und hinterher hat man dennoch einen Informationsabfluss festgestellt. Wie sich später herausstellte: Bei dem externen Catering-Lieferanten, der für diese Sitzung Kaffee und Getränke lieferte, hat sich eine Frau extra anstellen lassen, um nach der Durchsuchung Zugang zu den Räumlichkeiten zu erlangen. Sie hat vor der Sitzung gemäß ihres Catering-Auftrags eine Kaffeekanne in den Konferenzraum gestellt, in deren abschraubbarem Bodensatz eine Wanze versteckt war.
Wanzen sind im Übrigen heutzutage so klein, dass sie auch problemlos in Werbegeschenken versteckt werden können. Und der Absender ist nicht immer der, dessen Logo auf dem Geschenk sichtbar ist. Die Empfänger stellen es im Vorstands- oder Sekretariatsbereich auf, wo die implementierte Wanze oder Minikamera für entsprechenden Informationsabfluss sorgt, zumindest solange der Akku hält.
Ihre beiden Unternehmen arbeiten in der täglichen Praxis eng miteinander und mit anderen Partnern zusammen. Wie sieht diese Zusammenarbeit aus?
Weyerstall: Wenn ein Unternehmen einen Spionageverdacht hat, kann sofort über eine rund um die Uhr erreichbare Hotline Kontakt zu Corporate Trust aufgenommen werden, wo dann mit den Ermittlungen begonnen wird. Natürlich kann das Unternehmen uns auch direkt verständigen. Wir würden dann den Kontakt zu Corporate Trust herstellen.
Schaaf: Wir verstehen uns als Unternehmensberatung, die das Unternehmen als Ganzes betrachtet. Wenn es dann in die spezielleren Bereiche geht, wie zum Beispiel die Sicherung der IT, sind wir auf die Expertise von Partnern angewiesen. Wenn es um die Sicherung von Daten geht, dann sind EMC und RSA klar marktführend und damit erste Ansprechpartner für uns. Es gibt natürlich auch Unternehmen, die gewisse Risiken bewusst in Kauf nehmen, zum Beispiel um billiger zu produzieren oder mit bestimmten Geschäftspartnern zu kooperieren. In dem Fall ist es umso wichtiger, diese Risiken abzusichern, beispielsweise durch eine Versicherung gegen Industriespionage.
Nicole Weyerstall,
Leiterin Industriekunden Financial Lines,
AIG Versicherung
AIG Europe S.A.
AIG Europe S.A. ist ein Unternehmen der American International Group, Inc., eines der weltweit führenden Versicherungs- und Finanzdienstleistungsunternehmen. AIG Europe S.A. ist seit 1946 im deutschen Industrieversicherungsmarkt vertreten. Als Teil eines internationalen Netzwerkes bietet das Unternehmen maßgeschneiderte Konzepte und klassische Versicherungsdeckungen für internationale Großkonzerne und mittelständische Unternehmen.
Internet: www.aigeurope.com
Christian Schaaf,
Geschäftsführer Corporate Trust
Corporate Trust
Corporate Trust ist eine in München ansässige Unternehmensberatung für Sicherheitsdienstleistungen. Als strategischer Partner im Risiko- und Krisenmanagement unterstützt Corporate Trust Unternehmen, Organisationen und Privatpersonen im High-Level-Security-Bereich.
Internet: www.corporate-trust.de
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