Interview mit Bert Rürup
ON befragte den Wirtschaftsexperten Professor Bert Rürup zur aktuellen wirtschaftlichen Lage und den demografischen Herausforderungen. Bert Rürup war von 2005 bis 2009 Vorsitzender der Wirtschaftsweisen. Seit Anfang des Jahres ist er Mitglied des Vorstands der MaschmeyerRürup AG.
Herr Professor Rürup, wir sitzen hier in 40 Meter Höhe über Schacht XII der Zeche Zollverein in Essen mit Blick auf das Ruhrgebiet. Glauben Sie, das Ruhrgebiet ist gut gerüstet, um auch im 21. Jahrhundert eine Region von starker Wirtschaftskraft zu sein?
Bert Rürup: Ich sehe durchaus positive Perspektiven für das Ruhrgebiet, wenn die Städte kooperieren - wirtschaftspolitisch wie forschungsstrategisch - und dennoch dabei eine eigene Identität entwickeln. Essen, meine Heimatstadt, ist auf einem guten Weg. Die Stadt ist sowohl Kulturstadt wie auch ein wichtiger Wirtschaftsstandort.
Kommen wir zu Ihrem heutigen Vortrag im Rahmen des EMC Entscheiderforums: Braucht Deutschland nach der Wirtschaftskrise ein neues „Geschäftsmodell“?
Rürup: Nein, wir brauchen kein neues Geschäftsmodell! Der Standort Deutschland ist besser als vielfach kolportiert, und die deutsche Industrie ist eine der leistungsfähigsten, wenn nicht die leistungsfähigste Industrie der Welt und wird deshalb auch als „Engine of Europe“ beschrieben. Dies ist nicht zuletzt ein Ergebnis der erfolgreichen Integration in die internationale Arbeitsteilung.
Unser hoher Offenheitsgrad wirkt wie eine Produktivitätspeitsche. Da der Welthandel doppelt so schnell wächst wie das Weltsozialprodukt, eröffnen hohe Exportquoten Chancen auf zusätzliche Wohlfahrtsgewinne.
Die Tatsache, dass der Standort Deutschland für Unternehmen aus aller Welt sehr attraktiv geworden ist, hängt auch mit der deutlichen Senkung der Unternehmensbesteuerung und den Arbeitsmarktreformen der letzten Jahre zusammen. Allerdings sollte der Staat die Innovationskraft deutscher Unternehmen besser fördern, beispielsweise durch einen Steuerbonus für Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten, um so den Technologievorsprung der deutschen Industrie zu sichern.
Thema Bildung: Investieren wir genug in die jüngere Generation, um auf den demografischen Wandel vorbereitet zu sein?
Rürup: Nein! Der erwerbstätige Teil der Bevölkerung nimmt mittel- und langfristig etwa doppelt so schnell ab wie die Gesamtbevölkerung.
Für das aktuelle Bruttoinlands pro Kopf müssten deshalb zum Beispiel – wenn wir heute einen solchen Anteil der Erwerbstätigen an der Gesamtbevölkerung hätten wie wir ihn im Jahre 2035 haben werden – die Produktivität der Arbeitnehmer um etwa ein Drittel höher sein als dies heute der Fall ist.
Deshalb müssen wir mehr in Bildung investieren, und wir müssen bei der Bildung früher ansetzen als bisher, nämlich schon im Kindergarten. Das letzte Kindergartenjahr sollte mit Steuern finanziert werden und verpflichtend für alle Kinder sein. Jedes Kind, auch aus einer Zuwandererfamilie, sollte nach Verlassen des Kindergartens die deutsche Sprache sprechen.
Wir haben bald eine Staatsverschuldung von über 2 Billionen Euro und eine Neuverschuldung 2010 von etwa 60 Milliarden Euro. Jedes Jahr muss das Defizit um 10 Milliarden Euro abgesenkt werden. Wo muss die Regierung sparen, ohne das Wachstum abzuwürgen?
Rürup: Der Sparkurs ist entgegen der Kritik insbesondere aus den USA notwendig und richtig. Die Konsolidierung ist letztlich der Preis, der dafür zu zahlen ist, dass wir uns mit Schutzschirmen,Rekapitalisierungsmaßnahmen und Konjunkturprogrammen aus den Folgen der Finanzkrise herausgekauft haben.
Jede einzelne Position dieses Sparpakets der Bundesregierung kann man natürlich kritisieren. Dennoch ist es in der Summe sinnvoll und wirkt nicht wachstumsdämpfend. Ich persönlich hätte mir allerdings einen symbolischen Beitrag der Besserverdienenden gewünscht und vor allem viele der Ausnahmen von der regulären Mehrwertbesteuerung abgeschafft. Dadurch wären nachhaltige Einnahmeverbesserungen von mehreren Milliarden Euro drin gewesen.
Stichwort Rettungsschirm für Europa: Wie viel Zeit haben wir uns damit gekauft?
Rürup: Drei Jahre! Der Rettungsschirm für die Banken und der zweite für die Staaten von stattlichen 750 Mrd. EUR war notwendig, um den überschuldeten Ländern Zeit zu verschaffen, einen glaubwürdigen Konsolidierungskurs einzuschlagen. Ungeachtet dessen halte ich es für wichtig, die Eigenkapitalquote unserer Banken deutlich zu erhöhen, um sie stabiler zu machen. Ich finde es übrigens auch richtig, ungedeckte Leerverkäufe zu verbieten.
Wie solide ist der weltwirtschaftliche Aufschwung?
Rürup: Ich sehe zumindest für die Eurozone keine Double-Dip-Gefahr (zweite Krise). Der Aufschwung ist recht robust. Es gibt aber andere Risiken. So kauft China derzeit in großem Stil weltweit Rohstoffe auf, wie etwa seltene Erden, und könnte später als Monopolist die Preise diktieren. Damit droht eine importierte Kosteninflation, und eine solche Inflation bedeutet einen Ressourcenabfluss ans Ausland.
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