Die KANZAN Spezialpapiere GmbH ist Europas größter Hersteller von Thermo- und Inkjet-Papieren. Wie die gesamte Papierindustrie muss sich auch KANZAN mit den Herausforderungen einer klassischen Prozessindustrie auseinandersetzen: Die Maschinen laufen rund um die Uhr, sieben Tage die Woche. Jeder Stillstand würde Geld kosten. Dies gilt auch für die KANZAN Spezialpapiere GmbH. Dazu kommen besondere Herausforderungen durch den aufwändigen Herstellungsprozess von Thermospezialpapieren und dem vielfältigen Angebot an Papiersorten. Nur mithilfe modernster Informationstechnologie kann KANZAN die Herstellungszyklen kurz halten und flexibel auf Kundenaufträge reagieren. KANZANs CIO Bernd Morgenbrod schildert im Interview mit ON, mit welchen Herausforderungen er und seine Abteilung konfrontiert sind, welche Lösungen sie gefunden haben und warum sie sich in erster Linie als Prozessberater im eigenen Unternehmen verstehen.
Herr Morgenbrod, KANZAN produziert heute rund 120 verschiedene Thermospezialpapiere, die in den unterschiedlichsten Bereichen Verwendung finden – so werden aus ihnen Etiketten für Fluggepäck, Eintrittskarten oder Plotterpapiere. Bei dieser Vielfalt können Sie zwangsläufig nicht alle Sorten auf Vorrat produzieren, sondern müssen kurzfristig auf Aufträge reagieren.
Das ist natürlich eine Herausforderung. Wir müssen unsere Produktion sehr genau planen und steuern können, um die optimale Produktionsreihenfolge zu finden und Stillstände zu vermeiden. Dazu haben wir kürzlich mit einem Lieferanten ein System zur Produktions- und Steuerungsplanung speziell für die Papierindustrie entwickelt. Ein solches System für Mehrfachstreichverfahren gab es bislang in dieser Form noch nicht. Die Motivation dahinter war, unsere komplexen Prozesse optimal planen zu können, Lieferzeiten zu verkürzen und den Service für unsere Kunden zu erhöhen.
Wie hilft Ihnen die Informationstechnologie bei der Bewältigung dieser Aufgaben?
Informationstechnologie ist heute nicht mehr wegzudenken aus unserer Branche. Die Anzahl an Informationen, die heute allein im produktiven Alltag anfällt, ist so groß, dass sie vernünftig verarbeitet und analysiert werden muss. Das geht natürlich nur mit Informationstechnologien, mit Data Warehousing und entsprechenden Analysen, damit beispielsweise ständige Produktverbesserungen umgesetzt werden können.
Welche Bedeutung hat das für Sie im Bezug auf die Infrastruktur, die Sie im Unternehmen nutzen?
Die Infrastruktur muss sich den Anforderungen anpassen und den Bedarf abdecken. Die Informationen müssen zentral verdichtet werden, so dass im Unternehmen möglichst keine Redundanzen entstehen und die Daten im Data Warehouse im Sinne von Business Intelligence-Applikationen bereit stehen. In diesem Umfeld sind wir sehr aktiv und arbeiten mit unseren Partnern eng zusammen, die für uns Datamarts designen und die Daten so aufbereiten, dass unseren Fachbereichen alle Informationen zur Verfügung stehen, die sie für einen reibungslosen Ablauf benötigen.
Welche IT-Themen spielen für KANZAN als produzierendes mittelständisches Unternehmen mittelfristig eine wichtige Rolle?
Aus der Sicht von KANZAN haben wichtige IT-Themen immer mit der optimalen Unterstützung von Business-Prozessen zu tun. Auf der anderen Seite gibt es auch zahlreiche Compliance-Themen und Faktoren, die von außen an die Unternehmen herangetragen werden. Dazu gehören unter anderem neue Gesetzgebungsverfahren, die ein erweitertes Berichtswesen einfordern. Beispielsweise müssen wir uns mit J-SOX, dem Japanischen Sarban Oaxley Act, auseinandersetzen, da KANZAN ein japanisches Unternehmen ist. Das gilt aber auch für die deutsche Gesetzgebung. Das EU-Recht bringt sehr viele neue Anforderungen bezüglich Datenschutz und Datensicherheit mit sich. All das sind Dinge, die auf uns auch einwirken und uns in unseren Business-Prozessen beschäftigen.
Wie hat sich die Rolle des CIOs in Ihrer Branche in den letzten Jahren verändert? Gibt es Fähigkeiten, die heute besonders im Vordergrund stehen?
Heute muss ein CIO nicht nur Infrastrukturen bereitstellen. Er ist gefragt, Business-Prozesse mit zu begleiten, sie mit zu strukturieren und gemeinsam mit den Fachabteilungen zu optimieren. Auf der anderen Seite ist die Sicht der IT heute als klassischer Dienstleister im Unternehmen zu verankern. Früher liefen die EDV-Leute teilweise in weißen Kitteln herum, weil sie sich als etwas Besonderes fühlten. Die Zeiten sind schon lange vorbei: Wir müssen heute kundenorientiert sein, wir sind Dienstleister, wir müssen uns am Markt messen. Für uns bedeutet das, dass wir bei KANZAN ein IT-Kosten-Benchmarking durchführen und uns im Unternehmen klar in verschiedenen Kategorien bewerten lassen.
In welche Richtung wird sich der Papiermarkt in Europa Ihrer Meinung nach bis zum Jahr 2013 entwickeln?
Mit Blick auf KANZAN würde ich sagen: Alles ist möglich. Fünf Jahre sind ein riesiger Zeitraum. Der Papiermarkt ist sehr stark geprägt durch die heutige Energiesituation. Die Energiepreise sind sehr hoch und werden das wohl auch bleiben. Dazu kommt ein mächtig wachsender Wettbewerb aus den USA und aus China. Das wird die deutsche und die europäische Papierindustrie sehr beschäftigen. Wir werden uns sicher mehr auf unsere Stärken besinnen müssen. Und das sind unsere Innovationen. Wir müssen gemeinsam mit unseren Kunden neue Produkte für den Markt entwickeln. Da sehe ich wirklich eine sehr positive Zukunft für die Papierindustrie in Deutschland und auch für KANZAN.
Was ist aus der Idee des papierlosen Büros geworden? Ist das noch eine Bedrohung für die Papierindustrie?
Nein, unserer Meinung nach wird es das papierlose Büro nicht geben. Ich denke, neue und alte Medien werden sich ergänzen. Es gibt zwar einen Wechsel, aber es gibt auch etwas, was da Mensch heißt. Und der Mensch hat das Bedürfnis, Dinge zum Lesen in die Hand zu nehmen. Das muss nicht unbedingt Papier sein wie wir es heute kennen. Es kann auch ein elektronisches Papier sein, das vielleicht aussieht wie eine Folie und sich ganz anders anfühlt. Aber es ist einfach was anderes als der Computerbildschirm. Eines muss man allerdings ganz klar sagen: Etwas, das wir uns heute noch nicht vorstellen können, kann es deshalb trotzdem morgen geben. Ich sehe darin aber keine Bedrohung. Im Gegenteil! Weshalb sollte KANZAN an einem solchen Produkt nicht teilhaben? Wir wissen heute nicht, was wir in 15 oder 20 Jahren produzieren. Hier sind unsere Mitarbeiter als Innovationstreiber unser wichtigstes Kapital.
Kurzprofil KANZAN
Zum Standort wählte man das Werk Neumühl in Düren, seit 1710 fest in der Hand von Papiermachern und damit die älteste noch bestehende Papierfabrik der Stadt. Ein junges Unternehmen begann damals sein Wirken an einem traditionsreichen Ort und hat diesen mittlerweile zu einem modernen Hightech-Werk mit rund 315 Mitarbeitern verwandelt.
Nach zahlreichen Jahren der erfolgreichen Kooperation im Joint Venture hat Oji Paper mittlerweile die Zanders-Anteile übernommen und ist mit fast 95 % maßgeblicher Gesellschafter von KANZAN.
Produktionsstart: 1991
Produktionskapazität: 60.000 Tonnen pro Jahr
Umsatz: Über 100 Millionen Euro pro Jahr
Mitarbeiter: Rund 315
Produkte: Thermopapiere, Inkjet-Papiere, weitere Spezialprodukte
