Können die Versprechen eingehalten werden?
Die technologische und prozesstechnische Zukunft des Einzelhandels hängt
an einem Minichip: RFID. Als vor drei Jahren die ersten RFID-Tests in
der Logistik positiv ausfielen, überschlugen sich die Prognosen für
den Nutzen im Handel. In Deutschland preschte vor allem die Metro-Gruppe
mit ihrem Future-Store voran. Ihr Gegenstück in den USA waren Walmart
und die Pharmaindustrie, die sogar gesetzliche Rückendeckung für
den RFID-Einsatz bekamen. "Man muss nicht unbedingt Computertechnik
studiert haben, um in Zukunft einen Handelsbetrieb erfolgreich zu führen
— aber es hilft bestimmt ungemein", scherzte Jason Kaczor,
Analyst bei der Marktforschungsagentur Evans Data im Jahr 2005. Damals
sonnten sich die Technologie-Propheten in einer schönen neuen Supermarktwelt,
in der es vor Technik nur so wimmelt.
Die Basis dazu wurde 2004 im niederrheinischen Rheinberg von der Metro-Gruppe
geschaffen. Im dortigen Future-Store testet man seitdem, wie sich neue
Technologien im Handel kostenwirksam nutzen lassen. Folglich kann sich
die Ausstattung des Future-Store mit jeder hoch automatisierten Fertigungsstraße
messen. An diesem Projekt sind SAP, Intel, IBM, T-Systems sowie weitere
Unternehmen aus der Konsumgüterindustrie, der Informationstechnologie
und der Dienstleistungsbranche beteiligt. Ziel ist es, die heute realisierbaren
Technologien und technischen Systeme in praktischer Anwendung zu testen
und weiterzuentwickeln. Langfristig sollen hier weltweit einheitliche
Standards für den optimalen Einsatz der neuen Technologien etabliert
werden. Ein besonderes Augenmerk gilt dabei dem integrierten Systemansatz,
denn bislang werden im Handel lediglich Einzelanwendungen neuer Technologien
oder Einzelsysteme realisiert. Im Future-Store sollen die neuen Technologien
erstmals in komplexer Form miteinander verknüpft werden. Dabei kommt
der RFID-Technologie eine Schlüsselrolle zu. Sie ist das zentrale
Element für alle weiteren Systeme und Anwendungen. Außerdem
werden im Future-Store der Einsatz von Selbstzahlerkassen sowie das elektronische
Bezahlen per PSA (Personal Shopping Assistant) getestet. Hinzu kommen
modernste Info-Terminals, die auf Sonderangebote hinweisen oder bei der
Produktsuche helfen und zusätzliche Produktinformationen ausgeben.
Dokumentation des Warenflusses
All diese angenehmen technischen Erweiterungen kann der Einzelhandel
nur dann finanzieren, wenn sich dadurch effizientere Geschäftsprozesse
einstellen, die eine entsprechende Rationalisierung bewirken. Kernstück
hierzu sind die Möglichkeiten der RFID-Technologie, mit der die Warenströme
von der Produktion bis zum Endkunden jederzeit dokumentierbar verfolgt
werden können. Damit kann der Warenbestand automatisch geprüft
werden und Bestellvorgänge, Lagerung sowie Transport lassen sich
vereinfachen und beschleunigen, was zu einer bedarfsgerechten Warenproduktion
führt. Umsatzverluste durch Ausverkaufssituationen können auf
diese Weise genauso vermieden werden wie überhöhte und teure
Lagerbestände. Auch international werden solche technologisch fortgeschrittenen
Handelssysteme intensiv getestet. In den USA gab es einen weltweit hörbaren
Paukenschlag, als Walmart im Juni 2004 verkündete, dass bis Jahresende
alle Anlieferungen der Top-100-Lieferanten mit RFID-Chips ausgestattet
sein müssen, bis 31. Dezember 2005 sollten diese Anforderungen auf
die Top 200 ausgedehnt werden.
Walmarts Konzept zielt darauf ab, die Supplychain als Test für eine
totale RFID-Auszeichnung aller Endprodukte zu nutzen. In einem Punkt sind
sich sowohl die Handels- als auch die Technikexperten einig: Erst wenn
das Endprodukt im Regal mit RFID ausgestattet ist, lassen sich alle erhofften
Einsparungen ausnutzen. Vorreiter ist hier die US-Pharmaindustrie, die
schon vor zwei Jahren RFID-Labels für viele Medikamente einführte.
Ziel war es damals, vor allem Fälschungen und Verwechslungen einzudämmen.
Doch inzwischen gibt es Zweifel, ob diese Ziele kurzfristig erreichbar
sind. "Die Technologie ist durchaus vielversprechend, aber noch
nicht weit genug ausgereift, um das Alltagsleben einer hektischen Arzneimittelversorgung
zu überstehen", sagt Renard Jackson, verantwortlich für
Logistik und Verpackungstechnologie beim US-Pharmagroßhändler
Cardinal Healthcare. Hauptproblem ist seiner Meinung nach die mangelhafte
Erkennungsquote, die bislang nur bei 70 Prozent liegt und auf mindestens
95 Prozent ansteigen muss. Doch diese Quote wurde bisher nur erreicht,
wenn es ein einziges Produkt zu lesen gab und keine weiteren Störquellen
im näheren Umkreis vorhanden waren. "Alles in allem hat RFID
bei uns mehr Probleme verursacht als gelöst", begründet
Jackson seine Entscheidung, keine weiteren RFID-Investitionen im eigenen
Betrieb zu planen.
Realität statt Wunschdenken
Die Erfahrungen bei Cardinal Health werden jetzt von der US-Pharmaaufsicht
FDA ausgewertet. Diese hatte vor drei Jahren ein Gesetz forciert, das
einen mehrstufigen Einführungsplan für RFID im gesamten Arzneimittelhandel
vorsieht, doch die Realität hinkt derzeit weit hinter den Vorgaben
her. Selbst wenn die RFID-Industrie die Lesegenauigkeit kurzfristig
signifikant verbessern kann und damit der Druck auf die Beteiligten zur
Umstellung ansteigt, könnte ein vor Kurzem neu entdecktes Problem
zum Killer dieser Technologie im Arzneimittelhandel werden. Es gibt Hinweise
darauf, dass die Temperatur der Medikamente beim Lesevorgang zu stark
ansteigt, was vor allem bei biologischen Präparaten zur Zerstörung
führen kann. Bei Cardinal Health hat man deshalb inzwischen alle
biologischen Präparate von der RFID-Auszeichnung ausgenommen.
Schlecht sieht es auch bei dem hochgelobten RFID-Checkout aus. Laut Marktexperten
ist deren breiter Einsatz noch mindestens zehn bis 15 Jahre entfernt.
"Im Labor funktioniert das alles sehr schön, aber für
den rauen Alltag an der Schnittstelle zum Kunden sind die Systeme noch
lange nicht reif", sagt John Parsons, der bei Fujitsu USA für
den Self-Checkout-Bereich U-Scan verantwortlich ist. Zudem gibt es noch
keine Pläne über die komplette Auszeichnung aller Artikel mit
RFID. "Gegenwärtig muss der Händler bei allen Endprodukten
die RFID-Etiketten selbst anbringen. Das rechnet sich nur bei hochpreisigen
Gebrauchsgütern, nicht aber bei den unter permanentem Kostendruck
stehenden Supermärkten", sagt Parsons über den aktuellen
Stand der RFID-Anwendung bei den Endprodukten. Neben anwendungstechnischen
Problemen und hohen Kosten sind auch die Bedenken der Datenschützer
noch nicht vom Tisch. "RFID schafft einen von der Regierung und
Wirtschaft total überwachten Menschen", behauptet Katherine
Albrecht, Chefin der Verbraucherorganisation Caspian.
Enorme Datenmengen
Zudem kämpft RFID gegen ein allzu großes Datenaufkommen: Anfangs
haben sich alle potenziellen Anwender über die vielen Informationen
gefreut, die auf die neuen Minichips passen. Damals hat kaum jemand berechnet,
welches Volumen in der gesamten Logistikkette anfallen würde. "Wenn
Walmart mit all seinen Lieferanten live geht, fallen pro Sekunde neun
Terabyte Daten an", hat Intel-Chef Paul Otellini ausgerechnet. Noch
ist unklar, wie dieses Aufkommen verwaltet werden kann. Die Folge ist
ein weltweit stark gebremster Einsatz von RFID bei allen Groß- und
Einzelhändlern. Viele haben ihre Projekte erheblich eingeschränkt,
was bereits dazu geführt hat, dass es bei Technologieanbietern zu
Entlassungen und Schließungen gekommen ist.
Beim RFID-Primus Walmart hat es inzwischen die erste prominente Entlassung
gegeben: IT-Chefin Linda Dillman, unter deren Leitung vor drei Jahren
die ehrgeizigen Pläne entstanden, musste ihren Stuhl für Rollin
Ford räumen, der als Erstes eine weitreichende Prüfung des RFID-Projektes
anordnete. Seitdem werden nur noch wenige Stock Keeping Units (SKUs) mit
RFID ausgerüstet. "Die RFID-Industrie befindet sich in einem
Teufelskreis: Geringere Mengen bedeuten höhere Preise und weniger
Entwicklungsprojekte, wodurch wiederum die Marktdurchdringung zurückgeht.
Erst wenn sich dieses Rad wieder in die andere Richtung dreht, geht es
mit RFID wieder aufwärts", sagt Michael Liard, Analyst bei
ABI Research.
Selbstbedienung auf dem Vormarsch
Nicht ganz so ernüchternd ist die Situation im zweiten Hightech-Entwicklungsszenarium
des Handels: den POS-Systemen. In diesem Jahr werden rund zehn Milliarden
Dollar für den Ausbau dieser Systeme ausgegeben, prophezeit IHL-Consulting,
eine auf das Retail-Business spezialisierte Agentur in Tennessee.
"Selfservice am POS greift rasant um sich: Integrierte Geldautomaten,
Tanksäulen für Kreditkartenzahlung, Preiskontroll-Terminals
und Self-Checkout sind bislang nur der Anfang dessen, was in Kürze
alles auf den Markt kommen wird", sagt Brad Tracy, Marketing-Direktor
bei NCR. IHL schätzt, dass an den amerikanischen Self-Checkout-Kassen
in diesem Jahr rund 475 Milliarden Dollar umgesetzt werden. Marktführer
sind die bislang bekannten Namen IBM, NCR, Fujitsu und Wincor Nixdorf.
Neuerdings kommen aber auch Microsoft, Dell und HP mit Standardlösungen
immer besser ins Geschäft. Die Meinung über den Erfolg dieser
Systeme ist gespalten. Die Aberdeen-Gruppe glaubt, dass "Self-Checkout
der größte Flop ist und sich nur für Videogame besessene
Freaks eignet". Nach Ansicht des Studienleiters Sahir Anand haben
die bisherigen Systeme die Kunden frustriert und dem Handel zusätzliche
Kosten beschert: "Gewonnen haben bislang einzig die System-Anbieter."
US-Psychologen warnen davor, dass der Self-Checkout auf einem Wahrnehmungsirrtum
beruht. "Eine geübte Kassiererin kann bis zu zehnmal schneller
scannen als ein routinierter Kunde. Doch diese haben das subjektive Gefühl,
dass es viel schneller geht, weil sie selbst aktiv beteiligt sind",
sagt John Barker, Marketing-Psychologe beim Food Marketing Institute.
"Außerdem sind sie mit einer älteren Dame, die vor ihnen
das Barcode-Etikett sucht, viel geduldiger, als sie es jemals mit einer
Kassiererin wären." Frust kommt erst dann auf, wenn die Kunden
sehen, dass es an den anderen Schlangen schneller geht oder dass sie mit
der Systemführung überfordert sind. Um diesem negativen Erlebnis
zu begegnen, stellen viele Händler an den Self-Checkout-Kassen Personal
ab. Es soll den Kunden helfen, damit es nicht nur subjektiv, sondern auch
objektiv schneller geht. Doch das verursacht Kosten, denn dieses Personal
ist gut ausgebildet und kennt sich mit allen Checkout-Prozessen und den
Produkten bestens aus.
Interessanterweise bestätigen die großen Handelsketten sowohl
das eine als auch das andere Studienergebnis. So gibt Walmart beispielsweise
zu, dass man erst nach dem Abschalten von diversen Sicherheitsprüfungen
eine ausreichende Geschwindigkeit an den Terminals erzielen konnte. Die
Baumarktkette HomeDepot meint ebenfalls, dass es Frust-Probleme über
die Geschwindigkeit gibt, dass diese aber nicht der Technik, sondern der
Einsatzart zuzuschreiben sind. "Man muss das Leistungsspektrum sorgfältig
definieren", sagt deren CIO Bob DeRodes. Die Aberdeen-Gruppe geht
auch auf das Pre-Scannen der Artikel in der Schlange ein, das sie für
ineffizient hält. Bei diesem Verfahren geht ein Mitarbeiter an der
Schlange entlang und erfasst mit einem Handscanner die eingekauften Waren.
Diese Informationen werden auf einer Magnetkarte gespeichert, die der
Kunde an der Kasse abgibt. "Das hört sich gut an, dauert aber
noch viel zu lange. Bei unseren Messungen haben wir keine Verkürzung
der Schlange feststellen können", lautet das Urteil von Sahir
Anand über eine Anwendung, die gerade in den Megamärkten Einzug
hält, wo Kunden größere Gebinde oder sperrige Güter
einkaufen.
Zukunft des elektronischen Bezahlens
Strittig ist auch die Zukunft des elektronischen Bezahlens. Zwar preist
Ron Smith, Chef des Identifikations-Herstellers BAC, das Bezahlen
per Fingerabdruck: "Wir sind sicher, dass sowohl der Handel als auch
die Kunden die Vorteile des neuen ‚Touch-n-Pay-Verfahrens’
erkennen und schnell nutzen werden." Doch überall wo der Handel
damit experimentiert, wenden sich Kunden an Bürgerrechtsorganisationen
oder an die Medien. "Ich glaube, dass das Bezahlen per Fingerabdruck
einen Schritt zu weit geht und dass die Kunden da nicht mehr mitziehen
werden", sagt Carlene Thiessen, Präsidentin eines auf den Einzelhandel
spezialisierten Beratungshauses in Florida. Dafür hat eine andere
drahtlose Anwendung in den USA ihren unaufhaltsamen Siegeszug angetreten:
McDonald‘s, 7-Eleven, Kentucky Fried Chicken, CVS und Walgreens
installieren überall die berührungslosen Kreditkartenleser.
Diese Geräte können die Checkout-Zeiten halbieren oder
sogar auf ein Viertel drücken", heißt es in der Studie,
die natürlich von dem in den USA verbreiteten Umgang mit Kredit-
und Scheckkarten ausgeht — das heißt, es werden auch kleinste
Beträge per Karte bezahlt.
Der neueste Trend sind komplette Wireless-POS-Systeme, die vor allem
für Sonderangebotsflächen oder andere mobile Verkaufsplattformen
zum Einsatz kommen. Fazit ist: Der Einsatz neuer Peripherie an den POS-Systemen
entwickelt sich nicht so schnell, wie es die Systemanbieter noch vor wenigen
Jahren gehofft haben. Forrester empfiehlt deshalb den IT-Chefs, im Handel
den Fokus zu verschieben: "SAP und Oracle haben die Voraussetzungen
geschaffen, dass am POS eine komplette Retail-Plattform entstehen
kann. Dazu gehören unter anderem Betrugsabwendung, Inventur, Retouren,
Zeit- und Personalmanagement, Kundendatenbearbeitung und Buchführung.
Doch viele große Ketten nutzen dieses Potenzial noch nicht hinreichend
aus", schreibt Nikki Baird in einer aktuellen Untersuchung.