Langzeitarchivierung war schon für die Ägypter ein Thema. Ihre
Strategie war so gut, dass die Informationen auch nach zwei Jahrtausenden
noch verstanden werden. Heute vernichtet der digitale Alzheimer schon
nach wenigen Jahren gespeicherte Daten. Als Napoleon 1799 in Ägypten
einmarschierte, fanden die Franzosen in der Hafenstadt Rosette im Nildelta
einen Stein, der Geschichte machte. Die halbrunde Stele, die heute allgemein
unter dem Namen Stein von Rosette bekannt ist, wurde zum Schlüssel
für die moderne Ägyptologie. In drei verschiedenen Schriften
hatte der Rat der ägyptischen Priester 196 vor Christus ein Dekret
einmeißeln lassen: in Hieroglyphen, in Demotisch und in Griechisch.
Gut 2.000 Jahre später gelang es dem französischen Forscher
Jean-
Der Vergleich mit dem Stein von Rosette weist nicht nur auf die mangelnde Beständigkeit moderner Informationstechnologien hin. Die Geschichte der Inschrift zeigt, dass es grundlegende Probleme bei der dauerhaften und unveränderlichen Speicherung von Informationen gibt, für die schon die alten Ägypter Lösungen gesucht und gefunden haben. Das augenscheinlichste Problem ist der Datenträger. Die Ägypter kannten und nutzten Papyrus — und wussten offensichtlich um seine Vergänglichkeit. Denn nur so ist nachvollziehbar, warum sie das erheblich schwieriger zu bearbeitende Medium Stein für ihre Inschrift wählten. Das zweite Problem ist nicht so offensichtlich. Es betrifft die Darstellung der Information und ihre Verständlichkeit in der Zukunft. Denn auch wenn die einzelnen Zeichen auch nach zwei Jahrtausenden noch eindeutig erkennbar waren, das Wissen um ihre Bedeutung war längst verschwunden. Die Ägypter haben dafür eine elegante Lösung gefunden, indem sie den Text in den damals bekanntesten drei Sprachen in Stein meißelten. Sie entwickelten damit einen Interpretationsrahmen, der auch 2.000 Jahre später noch zu rekonstruieren war.
Beide Probleme, die Haltbarkeit des Datenträgers sowie die Lesbarkeit
des Inhalts, sind heute noch dieselben wie vor 2.000 Jahren. Allerdings
hat die digitale Technologie das Problem um eine dritte Facette erschwert:
Digital gespeicherte Informationen können ohne ein geeignetes Lesegerät
überhaupt nicht dargestellt werden. Das fängt bei der Hardware
an. So waren beispielsweise bis vor wenigen Jahren 3,5-Zoll-
Mittlerweile gibt es verschiedene Initiativen, die sich in Europa und den USA mit dem Thema Langzeitarchivierung digitaler Informationen beschäftigen. In Deutschland sind hier vor allem das "Kompetenznetzwerk Langzeitarchivierung und Langzeitverfügbarkeit digitaler Ressourcen für Deutschland" — kurz: Nestor — sowie das Projekt kopal ("Kooperativer Aufbau eines Langzeitarchivs digitaler Informationen") zu nennen. nestor versteht sich in erster Linie als Austauschplattform für nationale und internationale Projekte, Initiativen und Unternehmen, die sich mit der dauerhaften Archivierung von digitalen Inhalten beschäftigen. Kopal leistet Pionierarbeit, indem im Rahmen dieses Projekts ein Langzeitarchiv für die zersplitterte deutsche Verlags- und Bibliothekslandschaft aufgebaut wird. Um eine einheitliche Archivierungsplattform für die verschiedenen von den Verlagen eingesetzten Dokumententypen zur Verfügung zu stellen, hat kopal eine offene Plattform entwickelt, die alle gängigen Formate einschließt. Dabei wird gemeinsam mit den Objekten eine standardisierte Beschreibung für Dokumententypen und Formate als Metadaten gespeichert. Darin sind sowohl bibliographische Angaben wie auch technische Daten enthalten. Die technischen Metadaten umfassen Angaben zu dem System und den Anwendungen, mit denen die Daten erstellt wurden. Über diese Angaben können beispielsweise alle Objekte ausfindig gemacht werden, die mit einer bestimmten Version eines Programms erstellt wurden. Sollte diese Version nicht mehr am Markt erhältlich sein, könnten so alle betroffenen Daten auf eine neuere migriert werden. Dabei werden bevorzugt offene Formate gewählt, um eine möglichst große Unabhängigkeit von der Produktpolitik der Hersteller zu wahren.
Auch für Unternehmen ist es entscheidend, sich Gedanken über eine Strategie zur langfristigen Archivierung relevanter Daten zu machen. Betroffen sind auf jeden Fall jene Daten, die im Falle einer Steuerprüfung oder eines Rechtsstreits benötigt werden können. Aber auch Entwicklungsdaten oder Forschungsergebnisse können unter Umständen in einigen Jahrzehnten wieder relevant werden, sodass diese ebenfalls in eine Archivierungsstrategie eingebunden werden sollten. In der Vergangenheit wurde das Problem zu häufig unterschätzt. So hat die NASA wissenschaftliche Untersuchungsdaten von den Mondmissionen verloren, weil die Magnetbänder nicht rechtzeitig migriert wurden und nicht mehr lesbar waren. Das Bonmot vom "digitalen Alzheimer" macht seitdem die Runde.
Vor 2.000 Jahren reichte es aus, einige vorausschauende Überlegungen anzustellen und das Ergebnis in einer Steinmetzarbeit niederzulegen. Seitdem wurde der Stein von Rosette nicht mehr verändert. Auch später, als man längst auf Pergament und Papier umgestiegen war, waren Migrationszyklen eher eine Frage von Jahrhunderten als von Jahrzehnten. Heute, wo durch die zunehmende Digitalisierung aller Lebens- und Arbeitswelten immer mehr Informationen erfasst und gespeichert werden, sind die notwendigen Migrationszyklen teilweise bis auf ein Jahr geschrumpft. Langzeitarchivierung ist ein aufwändiger Prozess geworden, der die stete Aufmerksamkeit der Verantwortlichen erfordert. Eine intelligente Archivierungsstrategie kann jedoch vieles vereinfachen.









