Fachartikel
E-Learning in der Krise?
Das Internet ist kein Lehrmittel

Die Idee vom computergestützten Lernen ist fast so alt wie die moderne IT-Welt überhaupt. Den ersten Großversuch auf diesem Gebiet unternahm Anfang der 80er-Jahre der damalige Supercomputer-Hersteller Control Data mit seinem System Plato und in den folgenden Jahrzehnten wurden Milliarden in diese Technologie investiert. Doch inzwischen zeichnen sich die Grenzen des Machbaren bei dieser Anwendung deutlich ab. E-Learning ist heute eine Art Querschnittsanwendung, die in unterschiedlicher Ausbreitung in den Bereichen der Erwachsenen- und Hochschulausbildung, der innerbetrieblichen Aus- und Weiterbildung, zur Erlangung von Zusatzqualifikationen, wie beispielsweise Sprachen oder Hobbykurse, sowie in einigen Ländern auch in der Schulausbildung anzutreffen ist.

Doch trotz der immensen Investitionen und der großen Anwendungsbreite ist dieser Lehrform der Durchbruch bislang versagt geblieben. Dabei ist die Idee des computergestützten Lernens bestechend: Computer und Software sind geduldiger und objektiver, als jeder Lehrer es je sein kann. Computerprogramme haben immer genügend Zeit und dank Laptop und Internet sind sie auch nahezu überall verfügbar. Doch all diese Vorzüge haben das E-Learning noch immer nicht zu einer Art Standard-Ausbildungsform etabliert. Im Gegenteil, auf vielen Gebieten zeichnen sich inzwischen herbe Rückschläge ab.

Technologie allein ist keine Lösung

Professor Robert Zemsky, Vorsitzender der amerikanischen Learning Alliance for Higher Education und Berater des US-Bildungsministeriums, sieht die Schwierigkeit beim E-Learning vor allem darin, dass es kein bestehendes Problem löst. "Technologie wird immer nur dann akzeptiert, wenn damit ein konkretes Problem gelöst werden kann, aber die Schwierigkeiten des heutigen Lehrens können weder von Rich-Media noch von den adaptiven Learn-ing-Programmen gelöst werden", lautet sein Urteil. "Die E-Learning-Anbieter reden immer nur von der Technologie, nicht von den Lösungen", ist sein Vorwurf an die Industrie. Seiner Ansicht nach gehen viele E-Learning-Anbieter von falschen Voraussetzungen aus. "Das Internet ist ein Kommunikationsmittel – kein Lehrmittel", lautet seine Überzeugung. Zwar würden die heutigen Studenten mit ihren Laptops durchaus auf die Wikipedia-Seite gehen, doch viel häufiger seien sie auf den Seiten von Youtube, Facebook oder Myspace anzutreffen.

Trotzdem gibt es weltweit viele Projekte, Programme und Einrichtungen, bei denen E-Learning verstärkt zum Einsatz kommt oder kommen soll. In Deutschland gibt es im Bereich der Hochschulausbildung eine ganze Reihe an E-Learning-Projekten. So können Studenten in Bochum unter 550 verschiedenen E-Learning-Angeboten auswählen, 40 Hochschulen sind an die E-Teaching-Plattform der Universität Tübingen angeschlossen und die Freie Universität Berlin investierte in den vergangenen Jahren 1,1 Millionen Euro in 130 verschiedene E-Learning-Projekte. Ganz neu ist der Ansatz "Virtuelle Universität Deutschland" (VirtusD). Hier soll eine Milliarde Euro investiert werden, um die Wissensvermittlung an den Hochschulen zu verbessern und sie vor allem effizienter zu gestalten. Laut Alfons Rissberger, Sprecher der Initiative "VirtusD", soll damit eine um 40 Prozent verkürzte Lerndauer erzielt werden.

Technische Voraussetzungen gegeben

Für Alfons Rissberger ist E-Learning "ein wesentlicher Schritt für eine bessere Bildung an den Hochschulen". Damit könnten Studenten über Internet und Computer flexibler und effektiver arbeiten, als es heute möglich ist. Die Abhängigkeit von Ort, Zeit und dem Lehrpersonal werde aufgehoben. Die technischen Voraussetzungen für einen erfolgreichen E-Learning-Einsatz seien jetzt erstmals gegeben, hieß es anlässlich der Unterzeichnungsveranstaltung im vergangenen März. Was jedoch noch fehlen würde, sei die breite Vernetzung der Einzelinitiativen und der politische Wille zur digitalen Unterstützung der Lehr- und Lernprozesse sowie die Beschreibung der entsprechenden Ziele.

So soll mit der Initiative VirtusD ein Teil der standardisierbaren Vorlesungen des Bachelor-Studiums durch E-Learning ersetzt werden. Weitere Ziele sind die Intensivierung der persönlichen Kommunikation von Studierenden und dem Lehrpersonal sowie eine Ausweitung und Verbesserung des sozialen und vernetzten Lernens durch den Dialog im Netz. Nach Ansicht der Projektbeteiligten gehören virtuelle Seminare mit Diskussionsforen, Live-Gespräche in Chaträumen sowie die Vernetzung von Lehrenden und Lernenden schon in naher Zukunft zum Lehralltag einer Hochschule. Die unmittelbare Auswertung der Antworten auf Fragen und die damit verbundene motivierende Wirkung des Lernerfolgs würden zudem qualitätssteigernd wirken und ein lebenslanges Lernen, berufsbegleitende Weiterbildung sowie Quereinstiege ermöglichen, heißt es.

Online-Vorlesungen auf dem Vormarsch

Ein echtes Vollstudium per E-Learning wird aber international als nicht machbar angesehen. Hierbei verweisen die Experten immer wieder auf die gescheiterten Projekte des Dotcom-Booms. Damals haben mehrere Edel-Universitäten vergeblich versucht, gebührenpflichtige Online-Studiengänge einzurichten. Am bekanntesten ist der 25-Millionen-Dollar-Flop "Fathom.com" der Columbia-University; aber auch die New-York-University (NYU) hat auf diesem Gebiet in nur drei Jahren 20 Millionen Dollar verloren. Doch diese unternimmt seit Januar einen erneuten E-Learning-Anlauf bei Nebenfächern und Zusatzqualifikationen. 1.500 Studenten sollen sich schon zu den Online-Kursen angemeldet haben und NYU-Dekan Robert Lapiner hofft darauf, dass es in drei Jahren über 5 000 sein werden.

Was jedoch weltweit gut ankommt, sind die kostenlosen Vorlesungsangebote. So bauen viele US-Universitäten ihr Online-Angebot kontinuierlich aus. Beispielsweise will das Massachusetts Institute of Technology (MIT) bis zum Jahresende seine kompletten 1 800 Curricula online verfügbar machen. Schon seit dem Jahr 2002 wurde deren Ausbildungsprogramm im Internet Schritt für Schritt erweitert und umfasst bereits 1.500 Kurse. Dazu gehört unter anderem auch das legendäre Physik-Studium bei Professor Walter Lewin, dessen drei Programme mit Video, persönlichen Aufzeichnungen, Hausarbeiten und praktischen Versuchen abrufbar sind. Monatlich nutzen weltweit etwa 1,5 Millionen sogenannte "unabhängige Lernende" das MIT-Kursprogramm auf der Open-Course-Ware (OCW)-Webseite. Das Angebot ist zwar kostenlos – aber es werden keine Studienbescheinigungen ausgestellt. Damit unterscheidet es sich von den Angeboten der Fernuniversitäten und ähnlichen Einrichtungen, bei denen das Online-Angebot Teil eines festen Ausbildungsprogramms ist.

Folglich ist auch die Zusammensetzung dieser "unabhängig Lernenden" anders als bei normalen Studieneinrichtungen. Laut MIT sind 49 Prozent der gegenwärtigen Online-Studenten Autodidakten, 32 Prozent studieren an einer anderen Hochschule und 17 Prozent sind Ausbilder an anderen Bildungseinrichtungen. Knapp die Hälfte aller Online-Studenten sind MIT-Absolventen. "Für unsere Absolventen ist das Online-Angebot eine ideale Gelegenheit, um Kurse nachzuholen, für die sie während des regulären Studiums keine Zeit hatten", sagt Steve Carson, Programmdirektor für das OCW-Angebot. Ähnliche Angebote von bekannten US-Universitäten gibt es von der Harvard Law School, der Yale University, der John Hopkins Bloomberg School of Public Health, der Michigan State University, Tufts University, der University of California at Irvine und dem Utah Valley State College.

"Demokratisierung des Lernens"?

Laut Aussage der meisten Uni-Chefs geht es ihnen bei diesen kostenlosen Angeboten ausschließlich um eine "Demokratisierung des Lernens", sodass jeder auf der Welt das lernen kann, was er oder sie möchte. Doch die privaten amerikanischen Edeluniversitäten sind millionenschwere kapitalistische Einrichtungen, die nichts mit einer sozialen Einrichtung gemeinsam haben. Und so meinen die meisten US-Wirtschaftsexperten, dass es den Hochschulen dabei vor allem um das Anwerben von qualifizierten Bewerbern geht. Denn praktisch ist das ein kostenloses Schnupperstudium, das man bequem von zu Hause absolvieren kann. Ein solcher Marketingerfolg wird auch von einigen Zahlen gestützt. So gaben jüngst ein Drittel der Studienanfänger am MIT an, dass sie sich zuvor verschiedene Kurse auf deren Webseite angeschaut und einige Ange-bote bereits intensiv durchgearbeitet hatten. "Ich habe mir die für mich schwierig-sten Bereiche angeschaut und probiert, ob ich den Stoff erarbeiten kann. Danach hatte ich die Gewissheit, dass ich das Studium schaffe", schrieb einer der jungen Studenten auf seinen Fragebogen.

Technologisch gibt es für die Universitäten auch immer mehr Möglichkeiten, das Angebot für junge Leute attraktiv zu gestalten. So startete Apple im vorigen Jahr seinen "iTunes U Web Hosting-Service", über den Hochschulen ihre Audio- und Video-Files von Vorlesungen für den iPod verfügbar machen können. Pilotanwender hierfür ist die Stanford University in Kalifornien, die seit letztem Herbst damit experimentiert. Bis zum Jahresende sollen zwölf Kursprogramme darüber verfügbar sein. Um weitere Hochschulen für dieses Programm zu motivieren, bietet Apple den Dienst kostenlos an. "Uns reicht es, wenn wir darüber dem Markt zeigen können, dass ein iPod mehr ist als einfaches Musik-Gadget", sagt Eddy Cue, Apples Vicepresident für den iTune-Bereich.

Den erfolgreichsten Einsatz von E-Learning gibt es gegenwärtig im Bereich der firmen-internen Aus- und Weiterbildung. Nach Auskunft des Berliner Marktforschungsunternehmens Berlecon betrug der Umsatz für derartige E-Learning-Aktivitäten im vorigen Jahr bereits vier Milliarden Euro. Doch so beachtlich sich diese Zahl auch anhört, gemäß einer Untersuchung des US-E-Learning-Verbandes macht E-Learning in der innerbetrieblichen Ausbildung der US-Unternehmen nur magere 27 Prozent aus. Die hauptsächlichen Themen hierbei seien "Firmengrundsätze, Regeln und Vorschriften", "Sicherheit" sowie Informations- und Telekommunikationstechnologie.

Die neue Skepsis

Ein typisches Beispiel für die neue Skepsis gegenüber der Tauglichkeit für alle Ausbildungs- und Schulungsbeispiele in den Unternehmen ist die US-Baumarktkette Home Depot. Diese hatte ihr gesamtes Trainingsprogramm für neue Kassiererinnen auf E-Learning umgestellt. Darin wurde das Behandeln von Rücknahmen, Kredit- und Scheckkartenzahlungen, Reklamationen und alle anderen alltäglichen Transaktionen geübt. Um mehr als 30 Prozent konnte die Ausbildungszeit damit reduziert werden. Doch je mehr Personal damit angelernt wurde, umso mehr stieg auch die Fehlerhäufigkeit in den Geschäften an. Inzwischen ist das Ausbildungsprogramm wieder überwiegend offline. "Es geht nichts über qualifiziertes Personal in den Filialen, das die Neuen ausbildet und sie langsam einweist", sagt Roger Anderson, Personalchef bei Home Depot in Atlanta.

Auch Winfried Arthur, Professor für Management und Psychologie an der University of Texas meint, dass in punkto Qualität, der Klassenunterricht nicht zu übertreffen ist. In seiner Untersuchung von 164 verschiedenen Ausbildungsmethoden kommt er zu dem Ergebnis, dass "der Frontalunterricht von den Auszubildenden zwar die größte Ablehnung erfährt, doch dass damit andererseits auch die größten Lernerfolge erzielt werden". Sogar das US-Verteidigungsministerium, einst der weltweit größte Einkäufer von E-Learning, hat seine umfangreichen Programme wieder zurückgefahren. "E-Learning eignet sich zur Faktenvermittlung, aber nicht, wenn es um persönliche Fähigkeiten wie Management, Verhandlungsgeschick oder Sprachen geht", sagt deren Ausbildungs-Spezialistin Traci Sitzmann.

Doch dramatischer schlägt das Pendel in der Computernutzung in der Schulausbildung zurück. Fast zehn Jahre lang haben US-Politiker, Computerfirmen, Sponsoren und Eltern viel Geld dafür ausgegeben, dass jeder Schüler einen Laptop erhält, um damit bei Google das "Wissen der Welt abzurufen" und um sich in entsprechende Online-Kursangebote einzubuchen. Nach einer Untersuchung der Marktforschungsagentur Hayes aus dem vorigen Herbst hat bei einem Viertel der 2.500 größten US-Schulbezirke bereits jeder Schüler seinen persönlichen Schul-Laptop, und bis 2011 soll die Hälfte der Schulbezirke auf diesem Stand sein.

Zurück zum Schulbuch?

Doch ob das erreicht wird, erscheint inzwischen zweifelhaft. So meldet eine Highschool in Syracuse, im Norden des Staates New York, dass sie ihre an die Schüler ausgegebenen Laptops wieder eingezogen habe, da die damit verursachten Störungen des Unterrichts den Nutzen der Systeme bei weitem übersteigen. Die Schule hatte vor sieben Jahren jeden Schüler mit einem Laptop ausgestattet und ein entsprechendes Netzwerk installiert, sodass jeder darüber Internet-Zugang hatte. Doch statt damit das "Wissen der Welt" anzuzapfen, wurden lieber Musikfiles und Pornos heruntergeladen oder es wurde versucht, die Webseiten von lokalen Firmen zu hacken. Nachdem die Schule das Netz dann sicherer gemacht hatte, gab es unter den Schülern einen neuen Sport, der darin bestand, die Sicherheitsvorkehrungen auszuhebeln oder zumindest das Netzwerk zum Absturz zu bringen. So soll es unter den Schülern allmorgendlich Wetten darüber gegeben haben, wer wann als erster das Netz lahmlegen wird. "Die geballte Kreativität der Jugendlichen konzentrierte sich nur noch auf einen Kampf "wir gegen das System", sagt Mark Lawson, Präsident der Schule in Syracuse. Die Highschool in Syracuse steht damit nicht allein. Inzwischen haben rund zwei Dutzend US-Schulen ihre Laptop-Programme wieder eingestellt und greifen stattdessen auf die guten alten Schulbücher zurück.

Außerdem zweifeln viele Lehrer daran, dass der Einsatz von Laptops die Ausbildungsqualität verbessert. "Nach sieben Jahren Laptop-Einsatz kann ich keine Verbesserung bei den Ausbildungsresultaten erkennen", meint Lawson über den Nutzen. Das deckt sich mit neuen Erkenntnissen des US-Bildungsministeriums, wonach es bei den Ergebnissen der Aufnahmeprüfungen zu den Universitäten keine erkennbaren Unterschiede gibt, ob ein Bewerber in seiner Schulzeit oder im Rahmen seiner Prüfungsvorbereitungen irgendeine Lernsoftware genutzt hat oder nicht.

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